NSU-Komplex: Zollstockgate! Verbreiten Journalisten gezielte Desinformation zur Böhnhardt DNA-Spur im Fall Peggy?

Am 13.10.2016 teilten das Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth mit, dass am Fundort der Leiche von Peggy K. DNA festgestellt wurde, die dem mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt zuzuordnen sei.

Diese Information schlug ein wie eine Bombe. Die Polizei äußerte sich sehr vorsichtig und kündigte weitere umfassende Ermittlungen an. Geprüft werden müsse unter anderem, ob eine Verunreinigung zu dem DNA-Treffer geführt haben könnte. Der Verdacht einer Verunreinigung wurde gleichzeitig vom BKA und erfahrenen Rechtsmedizinern nahezu ausgeschlossen.

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann wiederum spekulierte, dass es bei der Bearbeitung der Spuren „an irgendeiner Stelle zu einer Kontamination“ gekommen sei.

Schnell kam die Frage auf welchen Einfluss diese Entwicklung auf den NSU-Prozess in München nehmen könnte. Würde Richter Götzl die DNA-Spur thematisieren? Er tat es.

Am 26.10.2016 fragte der Vorsitzende Richter im NSU-Prozess die Hauptangeklagte Zschäpe, ob sie über Informationen über Peggy verfüge, die sie nicht aus den Medien habe. Zschäpes Anwalt Hermann Borchert kündigte daraufhin eine schriftliche Beantwortung an.

Nur einen Tag später, wurde in mehreren Medien die Information durchgestochen, ein Zollstock der Thüringer Ermittlergruppe, die an den Fundorten der Leichen von Peggy und Böhnhardt tätig waren, sei möglicherweise der Überträger der Böhnhardt-DNA an den Fundort von Peggy:

„Die DNA-Spur des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt, die am Fundort von Peggys Leiche entdeckt wurde, ist nach Informationen von SWR und Bayerischem Rundfunk eine Verunreinigung und keine echte Spur. Sie wurde vom Landeskriminalamt (LKA) in Thüringen versehentlich verursacht.“ (SWR 27.10.2016)

Der für den SWR tätige Journalist Holger Schmidt, auf den die SWR Meldung zurückgeht, sagte im Laufe des Tage in einem TV-Interview, er sei sich „sicher“, dass es eine Verunreinigung sei. Die „Erkenntnisse“ Schmidts wurden um 11:45 via Twitter angekündigt und kursierten den Tag über in sämtlichen wichtigen Nachrichtensendungen.

Auch Spiegel Online servierte etwa 2 Stunden später Informationen zur mutmaßlichen Ermittlerpanne. BKA-Beamten sollen beim Vergleichen der Tatortfotos vom toten Böhnhardt und von der Bergung der Skelett-Teile von Peggy auf Fotos „denselben markanten Meterstab“ der Spurensicherung endeckt haben. Dieser sei von einer Beschaffenheit, die es „nur einmal gibt“, sei in „Ermittlerkreisen“ erklärt worden.

Das markante, nahezu unverwechelbare Messgerät wird beispielsweise von dieser Firma speziell für Tatort-Arbeit angeboten und dürfte in der Kriminaltechnik keine Seltenheit sein. Es handelt sich um sogenannte Nivellier-Gliedermaßstäbe.

Die Reaktion zweier Journalisten, die seit Jahren über den NSU-Komplex schreiben:

Dirk Laabs fragte am 28.10. auf Welt Online warum die noch nicht bestätigte These der Verunreinigung an die Presse durchgestochen wurde und konstatierte, dass der Südwestrundfunk die „offenbar aus Sicherheitskreisen lancierte Information“ zuerst „gestreut“ hatte.

Thomas Moser ging einen Schritt weiter und übte in einem Telepolis-Artikel offen Kritik am Vorgehen seines ARD-Kollegen Schmidt :

„Ich weiß (…) , dass kein Ermittler und auch kein Journalist sagen kann, dass es so war, wie es jetzt groß medial dargestellt wird. Eine Spekulation wird als Fakt verkauft. Doch gerade damit entpuppt sich das Ganze als dreistes Vertuschungsmanöver, bei dem als direkt Handelnder ausgerechnet ein Journalist beteiligt ist, ein „Terrorismusexperte der ARD“.“

Moser spielte die unrealistische Option der Verunreinigung einmal durch. Sein Fazit: Dass die Böhnhardt-DNA 2011 auf einem bestimmten Meterstab in Eisenach haften blieb und 2016 am Peggy Fundort übertragen wurde und gleichzeitig ausgeschlossen werden kann, dass seine DNA bereits zuvor in der Nähe ihrer Leiche zu finden war, sei schlicht nicht beweisbar.

Auch die Vorsitzende des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses, Dorothea Marx, formulierte, es sei absurd anzunehmen, dass Böhnhardts DNA über diesen Weg zum Fall Peggy gelangt sei. Konsequenterweise hätte diese DNA-Spur dann auch in allen anderen Fällen auftauchen müssen, in denen der Zollstock verwendet wurde. Diese Argumentation sei hyperspekulativ.

Nichtsdestotrotz suggeriert die Staatsanwaltschaft Bayreuth eine Aussage zur möglichen Kontamination könne nach weiteren umfassenden und zeitaufwändigen Ermittlungen getroffen werden.

Wird hier vom Sicherheitsapparat gerade eine Täuschung inszeniert um die Böhnhardt-Spur im Fall Peggy zu entsorgen?

Warum wurden einen Tag nach Zschäpes Ankündigung einer Stellungnahme zur Causa Böhnhardt/Peggy, spekulative Ermittler-Statements durchgestochen, obwohl die Ermittlungen noch gar nicht abgeschlossen sind?

Welche Rolle spielt der SWR Journalist Schmidt in diesem Zusammenhang?

Am 4.11.2016 bekräftigt Schmidt im SWR Interview noch einmal sein Wissen, bzw. seinen persönlichen Glauben:

„Aktuell gibt es die Diskussion, ob auch der Mord an der kleinen Peggy dazugehören könnte. Auch wenn ich persönlich glaube, dass dieser Mord nichts mit dem Fall zu tun hat, zeigt das immer noch, dass in diesem riesengroßen Kriminalfall noch neue Entwicklungen möglich sind.“

Schmidt, der laut Moser über sehr gute und exklusive Beziehungen zur Bundesanwaltschaft und zum Bundeskriminalamt verfügt, interpretiert journalistische Standards im Kontext seiner Berichterstattungen zum NSU-Komplex mitunter recht eigenwillig:

Als der SWR den Ex V-Mann und NSU-Unterstützer Tino Brandt aufsuchen und interviewen wollte, teilte Schmidt dies dem LKA vorher mit. Der Neonazi wurde kurioserweise anschließend vom SWR nicht daheim angetroffen.

Brandt bekam in seiner Spitzelzeit vom Thüringer Verfassungsschutz 200.000 DM. Mit dem Geld baute er den „Thüringer Heimatschutz“ auf, dem auch Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt angehörten. 2014 wurde er vom Landgericht Gera wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen, Beihilfe zu sexuellem Missbrauch und Förderung von Prostitution in 66 Fällen zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt.

Holger Schmidt sei immer an vorderster Front, wenn es gelte, eine den Sicherheitsbehörden unangenehme Spur oder einen unbequemen Zeugen zu entwerten, kritisierte sein Kollege Moser. Dies sei auch im Falle des baden-württembergischen Verfassungsschutzbeamten Günter S. so gewesen, der versichert hatte, im Jahre 2003 habe ihm ein Informant über NSU und Mundlos berichtet.

Beispiel Eisenach: Der Tod von Mundlos und Böhnhardt ist bis heute Gegenstand von Untersuchungsausschüssen. Zahlreiche Politiker und Experten äußerten Zweifel an dem erweiterten Suizid der Beiden. Holger Schmidt hingegen legte sich im Mai 2013 fest und unterstützte die These der Bundesanwaltschaft, die ausschloss, dass eine dritte Person die beiden Neonazis getötet haben könnte.

Holger Schmidt im SWR Interview:

„Sie haben einen Raubüberfall am Tag ihres Todes in Eisenach verübt, sind dann von der Polizei gestellt worden. (…) Für mich ist das wirklich schlagende Argument von Seiten der Anwohner, von Seiten der Polizisten: es gibt einfach keinerlei Beobachtungen, dass da noch eine dritte Person gewesen sein könnte. (…) Polizei war im Anmarsch als dieses Fanal passierte. Für mich ist es sehr plausibel, dass es so passiert ist wie die Ermittlungsbehörden es darstellen, dass die Beiden eben so entschlossen waren, dass sie gesagt haben, wenn die uns jetzt hier einkreisen und wenn wir uns jetzt nicht freischießen können, dann sterben wir lieber als uns der Polizei zu ergeben. Das passt sehr in die Ideologie von, äh ja, Neonazi-Terroristen. (…) So etwas wie ein Ehrenkodex solcher Vereinigungen.“

Schmidt, der im selben Interview den damaligen Polizeidirektor Menzel als „kleinen Helden dieses Endes des NSU“ bezeichnete, verschwieg, dass es sehr wohl Zeugen gab, die einen dritten Mann am Wohnmobil gesehen haben wollen. Auch die Aussagen der Polizisten müssen relativiert werden. Neben dem Wohnmobil, auf der Seite der Tür, befand sich ein Graben, in dem sich jemand hätte verstecken können. Die Tür des Wohnmobils war von den Polizisten zudem nicht einsehbar. Dass zwei brutale Killer, ausgestattet mit einer Unmenge von Waffen, angesichts zweier Polizisten den Freitod wählen, anstatt einen Fluchtversuch zu wagen oder heldenhaft im Kampf zu sterben – was ihrer Ideologie näher käme- gehört zu Schmidts schwer nachvollziehbarer Logik.

Auch die Heldensage über Polizeichef Menzel hält der Realität nicht stand. Vor den U-Ausschüssen in Erfurt und Berlin überzeugte dieser wenig. Sein Stochern mit einer Harke neben einer Leiche, der frühzeitige Abtransport des Wohnwagens in Eisenach, die Beschlagnahmung eines Kamerachips der Berufsfeuerwehr, die im Camper Fotos gemacht hatte: all dies konnte Menzel nicht plausibel erklären. Auch seine widerspüchlichen Aussagen zu vermuteten Geheimdienstkontakten des NSU-Kerntrios wecken Zweifel an seiner Integrität.

Menzel in einer ARD-Doku zum NSU Komplex:

„Vielleicht gibt es eine Geschichte, die wir nicht kennen.“

Screenshot: MDR Thüringen 2016 „Polizeieinsatzleiter vor Untersuchungsausschuss: Michael Menzel war verantwortlich für die Ermittlungen (…)  Einige seiner Entscheidungen scheinen heute rätselhaft.

Im Fall des Heilbronner Polizistinnen Mordes ist ARD Reporter Schmidt ebenfalls ganz auf Linie der Bundesanwaltschaft. In einer Sachverständigen-Befragung vor dem NSU-Untersuchungsausschuss in Baden-Württemberg erklärte er 2015, dass die Beamten Kiesewetter und Arnold als „Vertreter des Staates“ bewusst als Opfer ausgewählt wurden und dass es keine belastbaren Hinweise dafür gebe, dass Kiesewetter kein Zufallsopfer sei.

Während Schmidt hier eins zu eins die Auffassung der GBA kolportierte, sind die zahlreichen Widersprüche und Ungereimtheiten im Heilbronn-Komplex hinreichend dokumentiert. Laut Clemens Binninger, Vorsitzender des PUA im Bundestag, sind Mord und Mordversuch von Heilbronn alles andere als aufgeklärt. Binninger zieht nicht nur die 2-Täter Theorie der GBA in Zweifel sondern sieht auch Verbindungen vom Opfer Kiesewetter zum Umfeld des NSU:

„Der Vorsitzende Binninger äußerte sein Misstrauen ob der vielen sonderbaren Zufälle und offenen Spuren im Zusammenhang mit dem Mordfall. So ist das Opfer Kiesewetter zum Beispiel in der gleichen Region in Thüringen aufgewachsen wie das NSU-Trio. Kiesewetters damaliger Gruppenführer bei der Polizei war ein Mitglied des rassistischen Geheimbunds Ku-Klux-Klan, der auch im Umfeld des Terrorgruppe eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Überhaupt passt der Fall nicht in die Serie der anderen NSU-Morde an neun türkisch- und griechischstämmigen Kleinunternehmern. Während bei diesen Attentaten offenkundig fremdenfeindliche Motive im Vordergrund standen, bleiben die Tatmotive des Heilbronner Polizistenmords bis heute völlig rätselhaft.“ (Bundestag.de 2015)

Warum ignorierte Schmidt diese Erkenntnisse und stützte mit seinen Aussagen das offizielle Narrativ der Bundesanwaltschaft? Warum assistierte er am 27.10. beim Durchstechen von spekulativen „Informationen“ zur Böhnhardt-DNA?

In der Summe fällt es schwer sich des Eindrucks zu erwehren, dass hier anstelle eines investigativen Journalismus, die Vertuschung seitens der Sichheitsbehörden von einem Mitarbeiter des Öffentlich Rechtlichen Rundfunks flankiert wird.

Ist Holger Schmidt ein Mann des Sicherheitsapparates in der ARD?

Oder Annette Ramelsberger von der SZ, die am Jahrestag des 4.11.2011, als deutschlandweit der Opfer des NSU gedacht wird, eine peinliche Apologetik für die Sicherheitsbehörden formuliert und auch die Böhnhardt/Peggy-DNA Spur schon mal zur Verschwörungstheorie erklärt:

„Es gibt mittlerweile Bücher und Fernsehfilme über das NSU-Trio. Trotzdem ist unklar, wer wo seine Finger im Spiel hatte. Auch deshalb klingen Verschwörungstheorien so gut. Am 4. November vor fünf Jahren erschossen sich die beiden mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in ihrem Wohnmobil, als sie von Polizei umstellt waren. Bereits hier setzen die Verschwörungstheorien ein. Haben sich die beiden Männer gar nicht selbst getötet? Wurden sie im Auftrag dunkler Mächte gemeuchelt? Vielleicht deshalb, um die Verwicklung des Verfassungsschutzes in die rechtsradikale Mordserie zu vertuschen, die zehn Menschen das Leben kostete und so viele an Körper und Seele verletzt zurückließ? (…) Bis jetzt sieht es so aus: Die Geheimdienste glänzten durch Naivität, Dienst nach Vorschrift und Unfähigkeit, die Polizei durch konsequenten Blick in die falsche Richtung. Die V-Leute waren nahe dran am NSU, so nah, dass immer wieder der Verdacht aufkommt, dass es Kumpanei gegeben haben muss. Und es wäre auch eingängiger, wenn da Leute mit Vorsatz gehandelt hätten und nicht nur aus Schlamperei. Aber bis jetzt fehlt der Beweis, dass es die „schützende Hand“ gab, wie der Krimiautor Wolfgang Schorlau schreibt. (…) Deswegen wirken auch die Angebote für Verschwörungstheorien so gut: Nach der letzten Polizeipanne haben viele gerne geglaubt, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Fall Peggy und dem NSU gibt. Diese Pannen sind fatal – sie treiben die Fantasien immer weiter an, sodass am Ende nichts mehr sicher ist und alles möglich. Wahrscheinlich wird bald ein Film gedreht, über Beate Zschäpe und Peggy. Weil sie ja zusammenhängen könnten, irgendwie, auch wenn man nichts weiß. Sicher wäre der Film sehr erfolgreich. Nur der Erkenntnisgewinn wäre null. Aber wen stört das noch? „

Ramelsbergers Artikel ist eine Frechheit, eine Zumutung für die Angehörigen der Opfer des NSU. Ihre Beschreibung des NSU-Komplexes ist vage und stark fixiert auf den negativ konnotierten Begriff der Verschwörungstheorie. Wesentliche Aspekte spart sie schlicht aus. Kein Wort über die vorsätzlichen Aktenvernichtungen im BfV. Nicht eine Silbe darüber, dass die Bundesanwaltschaft den Verfassungsschutz deckt. Ramelsberger schweigt zu zahlreichen offenen Fragen, wie etwa der Anwesenheit des Verfassungsschützers Temme am Tatort in Kassel. Sie ignoriert dass zahlreiche PolitikerInnen Zweifel am erweiterten Suizid von Böhnhardt und Mundlos haben. Mitglieder von Untersuchungsausschüssen, deren Aufklärungsarbeit von den Diensten blockiert und denen Akten vorenthalten werden. Es gibt nicht nur Hinweise, sondern klare Belege dafür, dass die Polizei in ihrer Ermittlungsarbeit und in der Zielfahndung nach dem untergetauchten Trio behindert wurde. Und zwar ganz klar durch den Verfassungsschutz. Ramelsberger verharmlost das Agieren der Geheimdienstler: Naivität, Unfähigkeit, Dienst nach Vorschrift.

Der krönende Abschluss ihres unsachlichen und unseriösen Artikels: Die Böhnhardt DNA-Spur am Fundort der Peggy Leiche sei auf eine Polizeipanne zurückzuführen. Auch der mögliche Zusammenhang zwischen dem Fall Peggy und dem NSU wird ins Reich der Verschwörungstheorien verbannt. Das ist Desinformation. Die Ermittlungen hierzu laufen noch. Und just am Tag des Erscheinen des Ramelsberger Textes berichtet die ARD:

„Das Bundeskriminalamt will offenbar weitere ungeklärten Kindermorde und Fälle von vermissten Kindern auf Verbindungen zu dem mutmaßlichen NSU-Mörder Uwe Böhnhardt untersuchen. Das geht aus einem Schreiben des Bundesjustizministeriums hervor, das NDR, WDR und „SZ“ vorliegt. Demnach sollen alle Beweismittel aus den NSU-Taten, „die Bezüge zu Kindern aufweisen könnten“, auf Verbindungen zu ungeklärten Mord- und Vermisstenfällen geprüft werden. (…) Aus dem Schreiben geht auch hervor, dass das Justizministerium die DNA-Spur Böhnhardts, die im Fall Peggy festgestellt worden ist, offenbar weiterhin für ermittlungswürdig hält. „Ein umfassender Austausch der im Ermittlungsverfahren wegen Mordes an Peggy K. sowie im NSU-Verfahrenskomplex angefallenen Erkenntnisse ist wegen des durch den Spur-Treffer offenbar gewordenen Personenbezugs unerlässlich“, heißt es in dem Schreiben. Einerseits sei eine „kritische Prüfung des Beweiswerts“ der Probe angesichts der Auffinde-Situation geboten, andererseits habe der Treffer eine „potenziell hohe Tatrelevanz“.“

Ein SZ-Kollege von Ramelsberger ist Journalismus-Professor Tanjev Schultz, der ebenfalls regelmäßig über den NSU-Prozess in München schreibt. Auch Schultz stellt die Böhnhardt-Spur im Fall Peggy in Frage, spricht von Versagen und bemüht das Totschlagargument „Verschwörungstheorie“:

„Der DNA-Fund war ein Überraschungsmoment, das vieles zu verändern schien. Nun kann es aber sein, dass die Spur eine Trugspur war, dann löst sich alles wieder auf. Ich war und bin sehr, sehr skeptisch, ob das eine reale Spur ist. (…) Nirgends läuft es wie im Lehrbuch. Ich möchte es aber nicht beschönigen: Das Versagen der Sicherheitsbehörden im NSU-Komplex ist gewaltig. Manche ziehen daraus den Schluss, dass alle unter einer Decke stecken würden und sich das nur mit einer Verschwörungstheorie erklären lasse. Dafür sehe ich weniger Anzeichen. Es gab reihenweise Fehler, Versäumnisse und Machenschaften – diese wurden jedoch von ganz unterschiedlichen Leuten begangen, auf unterschiedlichen Ebenen, aus unterschiedlichen Gründen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten.“

Duktus und Argumentation von Schultz und Rammelsberger erinnern stark an einen weiteren SZ Kollegen: Hans Leyendecker. Leyendecker, leitender politischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung in München ( Ressort : investigative Recherche) erklärte im Presse Club vom 14.4.2013 die wirkliche Gefahr für den NSU-Prozess: Verschwörungstheorien!

“ Aber wir werden aufpassen müssen, an der einen oder anderen Stelle, dass es auch keine Showveranstaltung wird. Es sind so viele Leute da, die sich aus unterschiedlichen Gründen auch bei diesem Prozess werden einbringen wollen. Was passiert wenn Verschwörungstheorien kommen über braune Kumpanei des Staates, über Staatsversagen, dass nochmal ganz anders war ? Das sind die Gefährdungen die wir haben.“

Befragt nach der Ermordung des Kasseler Internet-Cafe-Besitzer Halit Yozgat und dem Umstand, dass der ehemalige, hessische Verfassungsschützer Andres Temme der zur Tatzeit am Tatort war und vom Mord nichts bemerkt haben will, erklärte Leyendecker aufgebracht:

“ Das ist ausermittelt. Das ist nun wirklich damals ausermittelt, das ist jetzt noch mal ausermittelt. Der saß da, das ist auch ne Figur wie eigentlich aus ’nem Roman, hat früher Mein Kampf intensiv gelesen. Es passte scheinbar alles. Aber es ist ausermittelt, er hat mit dieser Tat, wenn Sie gucken, die Mörder kamen aus Dortmund, es wäre möglich gewesen, dass sie in Münster gemordet hätten, dass sie woanders, er hat mit dieser Tat nicht zu tun gehabt. (…) Was ausermittelt ist und das ist ausermittelt. Und dann kann ich nicht mit ’ner Verschwörungstheorie noch mal um die Ecke kommen.“

Und dann machte der Investigativ-Journalist noch eine bemerkenswerte Aussage:

„Man hat es von Neonazis nicht erwartet, dass es ihnen tatsächlich, war es tatsächlich so, gab es nicht doch bei den, äh, Mord, Mordtaten, im Westen Unterstützer, die geholfen haben? Das sind ja alles so die Fragen. Und bisher ist die Anwort, nein, das gab es nicht. Wir haben tatsächlich ’ne abgeschottete, kleine Terrorgruppe gehabt. (…) Wir haben auch so’ne Gruppe so noch nicht gehabt. Also das ist auch, und von daher ist die Hoffnung, dass von außen irgendwas kommt, das wäre ’ne spannende Frage, Frau Zschäpe, wie war’s wenn die Beiden zurück kamen aus Nürnberg? Haben die gesagt, was sie getan haben ? Haben die gesagt, sie waren auf ’ner Baustelle? Oder haben die gesagt sie haben geschossen ? Aber all das, da hat sie das Recht zu schweigen. Das ist auch gut so.“

2013 war nicht bekannt, dass Mundlos und Böhnhardt zum Zeitpunkt ihrer Taten auf einer Baustelle in Nürnberg gearbeitet haben sollen.

Erst 2016 wurde öffentlich, dass Uwe Mundlos für die Firma des V-Mannes Ralf Marschner auf Baustellen in Nürnberg und München tätig gewesen sein soll. Genau in diesen Zeitraum fielen auch die ersten Morde.

Warum sprach Leyendecker 2013 im Zusammenhang mit dem Mord in Nürnberg davon dass die Beiden dort auf einer Baustelle waren?

Update 8.11.2016

Dirk Laabs liefert auf Welt Online neue Informationen zur mutmaßlichen DNA Panne:

„Die Tatortgruppe des LKA Thüringen war sowohl im Juli 2016 am Fundort der Leiche Peggys als auch im November 2011 in Eisenach im Einsatz, nachdem dort Böhnhardt tot in einem ausgebrannten Wohnmobil aufgefunden worden war. Zwischen den Einsätzen lagen also mehr als fünf Jahre. In Thüringen zweifelt man auch aufgrund dieser Zeitspanne daran, dass die Kriminaltechniker eine Verunreinigung verursacht haben könnten. Daher arbeitet man zweigleisig: Eine Thüringer Sonderkommission ermittelt in Sachen Kindermorde und rechte Szene, die Staatsanwaltschaft Bayreuth lässt indes untersuchen, ob die Spur doch auf einen Fehler zurückgeht. Nach „Welt“-Informationen wurde die DNA-Spur von Uwe Böhnhardt auf einem kleinen Stück Stoff festgestellt, das mehrere Zentimeter tief im Waldboden gefunden wurde, nachdem die Knochen von Peggy darüber bereits geborgen worden waren. In das Stück Stoff soll eine Flüssigkeit eingesickert sein, aus der die DNA gewonnen wurde. Dabei kann es sich um Blut, Sperma oder Speichel handeln. Allerdings ist es auch theoretisch möglich, dass sich die DNA in einer Zellstruktur befunden hat, die wiederum einer bereits eingesickerten Flüssigkeit anhaftete. (…) Forensiker, die nicht direkt mit dem Fall betraut sind, aber von der „Welt“ um eine Stellungnahme gebeten worden sind, verwundert, dass eine DNA-Spur nach so langer Zeit im Waldboden derart gut erhalten geblieben ist, war sie doch mutmaßlich in Kontakt mit Leichenflüssigkeit, die sehr aggressiv DNA-Spuren angreifen kann. Eine Theorie, die Ermittler diskutieren, ist die Möglichkeit, dass der Stofffetzen der letzte Rest einer Decke ist, in die Peggys Leiche eingewickelt war. Die vielen ungeklärten Faktoren sind offenbar der Grund, warum es die zuständige Staatsanwaltschaft vermeiden will, vorschnell ein abschließenden Urteil zu fällen. Der zuständige Staatsanwaltschaft Herbert Potzel betont in diesem Zusammenhang, er habe nie gesagt, eine Verunreinigung sei wahrscheinlich, sondern lediglich, dass man den Fall überprüfe. Diese Prüfung ziehe sich hin und sei sehr kompliziert. Die „Welt“ kann inzwischen durch Gespräche mit mehreren Personen, die mit den Ermittlungen vertraut sind, den Ablauf der letzten Wochen rekonstruieren: Als Mitte Oktober publik wurde, dass bei Peggy eine DNA-Spur Böhnhardts gefunden wurde, setzte man beim Thüringer LKA intern eine Arbeitsgruppe ein, die untersuchen sollte, ob eine Verunreinigung hinter dem Fund stecken könnte. Parallel überprüften Ermittler aus Oberfranken im Auftrag der Staatsanwaltschaft Bayreuth ebenfalls, ob ein Fehler infrage komme. Dafür reisten sie aus Bayern nach Erfurt, untersuchten dort die Abläufe in der Kriminaltechnik. Die Untersuchung gestaltete sich zäh. Fast zwei Wochen nachdem die DNA-Spur publik geworden war, an einem Mittwoch, wurde der Fund von Böhnhardts Erbgut erstmals in München beim NSU-Prozess angesprochen. (…) Noch am selben Tag, dem Mittwoch vor zwei Wochen, kamen weitere Ermittler und Vertreter der Staatsanwaltschaft aus Bayern nach Erfurt. Die zuständigen Thüringer Kriminaltechniker wurden abermals ausführlich von ihren Kollegen verhört.In diese Situation platzte eine Nachricht des Bundeskriminalamtes (BKA): Dort hatten Beamte eigenständig die Bilder des Fundortes der Leiche Peggys und der Obduktion Uwe Böhnhardts verglichen. Und an beiden Orten taucht ein schwarzer Messwinkel auf, der auffällige Merkmale haben soll. Die Fotos schickten die BKA-Beamten per Smartphone an die bayerischen Ermittler in Erfurt. Auf einem der Bilder soll zu erkennen sein, dass der Winkel auf dem Körper von Uwe Böhnhardt liegt. Dass dieses Instrument sowohl an Tatorten als auch in der Gerichtsmedizin verwendet wurde, gilt unter Fachleuten als ungewöhnlich. Doch die Thüringer Kriminaltechniker versicherten in den Befragungen, dass sie die Messwinkel regelmäßig reinigen würden, unter anderem mit dem Spezial-Mittel „DNA Ex“. Die Staatsanwaltschaft Bayreuth ließ die Instrumente in der Thüringer Kriminaltechnik trotzdem beschlagnahmen. Nur Stunden nachdem das Bundeskriminalamt auf den Messwinkel aufmerksam gemachte hatte, wurde die Information über die neue Spur bereits an die Presse durchgestochen. Das hat die Thüringer Kriminaltechniker zutiefst verunsichert, da die Ermittlungen in Sachen Messwinkel gerade erst angefangen hatten. Eine fundierte Einschätzung, ob man wirklich eine Fehlerquelle gefunden hatte, war zu dem frühen Zeitpunkt noch gar nicht möglich.Bislang konnten an dem Messwinkel, der an beiden Orten aufgetaucht sein könnte, keine weiteren DNA-Spuren von Böhnhardt gefunden werden. Die Winkel werden in Plastiktüten in Koffern aufbewahrt. Nun wird untersucht, ob vielleicht die Koffer verschmutzt gewesen sein könnten, die, so mussten die Kriminaltechniker einräumen, nicht regelmäßig gereinigt werden.(…) Wie die DNA Böhnhardts gegebenenfalls aus dem Koffer an den Stofffetzen vor Ort gekommen sein könnte, ist unklar. Das würde nur geschehen, wenn der Koffer dem Stofffetzen sehr nahe gekommen wäre – bei einem abgesperrten Tatort ist das aber sehr unwahrscheinlich. Nun muss auch geprüft werden, ob sich die DNA Böhnhardts eventuell mit einer anderen Flüssigkeit vermischt hat und auf anderem Weg an den Tatort gelangt sein könnte oder doch schon an den Tatort gelangte, als Peggys Körper 2001 in dem Wald abgelegt wurde. (…) Offen ist, was mit den Ermittlungen geschieht, wenn nicht zweifelsfrei geklärt werden kann, wie die DNA-Spur von Böhnhardt an den Fundort der Leiche von Peggy kam. Eine abschließende Antwort sollte niemand zu schnell erwarten.“

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