Chemnitz: Kochte Jaber Albakr TATP unter den Augen des Verfassungsschutzes?

Kurzfassung: Der Fall Albakr: Ein großartiger Erfolg der deutschen Sicherheitsbehörden?

Der Auftritt von Rolf Jacob (Leiter Justizvollzugsanstalt Leipzig), Klaus Fleischmann (Generalstaatsanwaltschaft Sachsen) und Sebastian Gemkow (Justizminister Sachsen, CDU) war eine Farce. Während andernorts bereit vom Failed Freistaat die Rede ist schreibt Michael Kaste, Redaktionsleiter Politik und Gesellschaft von MDR AKTUELL eine völlig abstruse Apologetik. Ironischerweise bewegt er sich, der Argumentation des JVA-Leiters Jacob folgend, auf sehr dünnem Eis:

„Ist das der letzte, der endgültige Beweis für die Unfähigkeit der sächsischen Behörden? Verschwörungstheoretiker dürften sich auf jeden Fall bestätigt fühlen. (…) Der Gefangene hatte sich stattdessen erkundigt, welche Auswirkungen sein Verhalten während der Haft auf ein mögliches Abschiebungsverfahren hätte. Stellt ein Selbstmörder solche Fragen?“

Gute Frage, Herr Kaste! Damit unterfüttern Sie die naheliegenste Verschwörungstheorie. Stellt ein Selbstmörder solche Fragen? Jacob sprach in genau diesem Kontext davon Albakr habe eine „gewisse Zukunft“.

Einige Zitate aus der Pressekonferenz zum Tod des Terrorverdächtigen Albakr (komplett auf YT):

„Albakr hat sich mit seinem Hemd am Vorgitter der Zelle erhängt. (…) Eine echte reißfeste Bekleidung gibt es nicht. (…) Für Unterbringung in einer besonders gesicherten Zelle hätte es spezielle Kleidung gegeben, die einen Suizid erschwert hätte.(…) Das hätte nicht passieren dürfen es ist aber leider geschehen. (…) Es gab keinen Hinweis auf eine akute Suizidgefährdung. (…) Kein richtiges Aufnahmegespräch mit Terrorverdächtigem Albakr, weil dieser nicht fließend Deutsch konnte. (…) Es ist nach Feierabend und am Wochenende nicht immer möglich, einen Dolmetscher zu finden. (…) Er war ruhig, er war sachlich, es gab also keine Hinweise auf emotionale Ausfälle. (…) Keine Unterbringung in Gemeinschaft, da Albakr hätte andere gefährden können. (…) Gefangener war sachlich, ruhig, keine emotionalen Ausfälle. 15 min. Kontrollen angeordnet. (…) Psychologin habe eingeschätzt, dass keine akute Suizidgefahr bestehe. Empfehlung, Kontrollzeitraum auf 30min zu erhöhen. (…) Albakr hat Lampe aus Decke gerissen – Kabel hingen herunter. (…) Manipulation der Lampe und der Steckdose durch Albakr wurde als Vandalismus eingestuft. (…) Keinerlei Probleme in seinem vollzuglichen Verhalten. (…) Auszubildende hat Albakr um 19:45 stranguliert entdeckt und Alarm geschlagen. (…) Vielleicht waren wir zu gutgläubig. (…) Der mutmaßliche Komplize Albakrs hat nun in der JVA Dresden eine „Sitzwache“ bekommen. Es sitzt ein Bediensteter vor dem Haftraum.

Justizvollzugsanstaltschef Rolf Jacob war nach eigenen Angaben bis Mittwochabend im Urlaub. Al-Bakr habe er nur nach dem Suizid zu Gesicht bekommen. Auf die Frage nach der Auffindesituation des Toten erklärte Rolf Jacob (Leiter Justizvollzugsanstalt Leipzig zunächst:

„Die konkrete Auffindesituation kann ich Ihnen nicht schildern, das ist Sache der Polizei und der Gerichtsmedizin. Ich selber war nicht in diesem Haftraum, weil die Polizei schon vor Ort war.“

Auf die Frage eines Journalisten, ob er den Inhaftierten selber einmal in Augenschein genommen habe, sagte Jacob zu einem späteren Zeitpunkt:

„Ich war bis gestern Abend im Urlaub. Das hat also mein Stellverteter gemacht. Ich hab ihn aber dann gesehen, leider, wo er schon tot war, wo ich dann vor Ort war gestern Abend.“

Sachsens Vize-Ministerpräsident Martin Dulig:

„Es ist offensichtlich zu einer Reihe von Fehleinschätzungen sowohl über die Bedeutung, als auch den Zustand des Gefangenen gekommen.“

Am frühen Abend des 12.10.2016 berichtet der MDR Sachsen:

„Der Terrorverdächtige Dschaber al-Bakr hat offenbar die drei Syrer aus Leipzig-Paunsdorf beschuldigt, in die Anschlagspläne involviert gewesen zu sein. Das erfuhr MDR SACHSEN aus gut informierten Kreisen. Demnach habe er bei einer polizeilichen Vernehmung erklärt, seine Landsleute „hingen in der Geschichte mit drin“.“

Wenige Stunden später wird der Tod des Mannes gemeldet:

Auch die Leipziger Volkszeitung erwähnt die Aussage von Albakr. Seit Montag sei den Sicherheitsbehörden die Bezichtigung des Tatverdächtigen bekannt. Warum wurde dies bislang nicht entkräftet oder kommentiert?

„Gegenüber der LVZ haben Sicherheitsbehörden bereits bestätigt, dass Al-Bakr in den polizeilichen Vernehmungen jene Männer der Mittäterschaft beschuldigt hatte, die ihn in der Nacht zu Montag in Leipzig-Paunsdorf gefesselt und der Polizei übergeben hatten. Deshalb wurden die drei Landsmänner des terrorverdächtigen Syrers seit Dienstag „intensiven Überprüfungen“ unterzogen. Nachrichtendienste des Bundes hatten die sächsischen Behörden laut LVZ-Informationen schon am Montag über mögliche Verbindungen zwischen al-Bakr und den drei Syrern aus Leipzig-Paunsdorf informiert. Das heißt: Die Glaubwürdigkeit der als Helden gewürdigten Männer wird angezweifelt. Ob es sich bei den in der polizeilichen Vernehmung geäußerten Bezichtigungen um eine Schutzbehauptung des unter Terrorverdacht stehenden al-Bakr handelte, ist noch nicht geklärt. Deshalb hatten sich offenbar sowohl Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) als auch Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) entsprechend bedeckt gehalten, als es um den Dank für den allseits gelobten mutigen Einsatz für die – wie auch al-Bakr – Kriegsflüchtlinge aus Syrien ging. Aus Sicherheitskreisen hieß es gegenüber der LVZ: Man könne nichts ausschließen.“

Der Generalstaatsanwaltschaft von Sachsen, Klaus Fleischmann, der in der „Suizid-Pressekonferenz“ erklärte, dass er am frühen Abend des 12.10. den Generalbundesanwalt am Telefon über den Suizid Albakrs informierte und mit ihm die Trennung der Verfahren (Terrorermittlungen:GBA, Suizidermittlungen: Staatsanwaltschaft Leipzig) abgesprochen habe, wurde zu dem Sachverhalt befragt und antwortete:

„Ich habe ihm telefonisch mitgeteilt, dass dieser Vorfall war. Er hatte aber schon eine Info aus seinem Haus, die er noch nicht für belastbat hielt. (…) Also, ich hab’s auch der Zeitung entnommen, äh, dass es dahingehende Aussagen geben soll, dass die drei Syrer aus Leipzig Mitwisser waren. Kenntnisse habe ich naturgemäß aus dem Ermittlungsverfahren keine, weil das Ermittlungsverfahren, wie schon öfter dargestellt, der Bundesanwalt führt. Und ich kann Ihnen auch nicht sagen, wo die drei jetzt sind. Es ist kein sächsisches Verfahren mehr.“

Albakr soll sich nach Informationen des MDR mit seinem T-Shirt erhängt haben.

Thomas de Maizière in einer ersten Stellungnahme im ZDF Moma am 13.10.2016:

“ Was gestern Nacht passiert ist verlangt nun wirklich nach schneller und umfassender Aufklärung der örtlichen Justizbehörden. Ich bin sicher, dass das mit vollem Ernst und auch angesichts der Dramatik der Lage gemacht wird. Im Übrigen erschwert so etwas natürlich die Ermittlungen nach Hintermännern nach sonstigen Beteiligten, äh, alles in allem verlangt es wirklich nach schneller Aufklärung.“

Frage ZDF:

„Sehen Sie denn Versäumnisse seitens der sächsischen Behörden?“

Antwort de Maizière:

„Ach, wissen Sie, äh, da wird ganz viel spekuliert die ganze Nacht über, auch was diese Aussagen angeht. Ich finde der Generalbundesanwalt sollte mal ermitteln. Es sollte diese Durchstechereien von einzelnen Aussagen, all das soll mal unterlassen werden. Das führt nur zu Spekulationen, die nicht weiterführen. Wir haben hier einen ernsten Vorgang. Es wurde ein Sprengstoffanschlag verhindert. Das ist jetzt aufzuklären und da soll nicht jede halbe Stunde irgendeine Meldung von irgendwem Interesse geleitet durchs Land gejagt werden, sondern die Behörden sollten ihre Arbeit machen und dann kann man das bewerten.“

„Laut „Bild“-Zeitung wurde der Inhaftierte nicht durchgehend überwacht. Seine Zelle sei wohl nur in Intervallen von „unter einer Stunde“ überprüft worden, berichtet die Zeitung unter Berufung auf Albakrs Anwalt Alexander Hübner. Das wäre ein Verstoß gegen die Vorschriften: In einer Antwort des sächsischen Justizministeriums auf eine kleine Anfrage hieß es vor einem Monat, Gefangene, „die Anpassungsprobleme an die Haftsituation haben“ und „bei denen Hinweise auf eine latente Suizidgefährdung bestehen“, werden „soweit nicht zwingende Gründe dagegensprechen – gemeinschaftlich untergebracht“. Und weiter: „Bei festgestellter akuter Suizidgefahr darf der Gefangene zu keiner Zeit alleine sein.“ In besonderen Notfällen werde „eine zügige Verlegung des Gefangenen in das Justizvollzugskrankenhaus angestrebt“. An die JVA in Leipzig-Meusdorf ist ein Krankenhaus angeschlossen.“ (SPON 13.10.2016)

Bosbach wittert Vertuschung der Behörden:

„CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach, sprach von einer „Tragödie“. Da Al-Bakr wohl bereit gewesen sei, auszusagen, verliere man „eine wichtige Informationsquelle“. Die Verantwortlichen in Sachsen müssten nun Fehler eingestehen. Er gehe aber davon aus, dass es am Ende wieder heißen werde, man habe alles richtig gemacht.“ (ARD 13.10.2016)

Bosbach im Phoenix Interview:

„Das ist ein Fiasko. Das hätte nie und nimmer passieren dürfen.“

Ein Terrorverdächtiger, Sprengstoff, eine verpatzte Festnahme, Sichheitsbehörden die sich für ihren Erfolg feiern und die Reaktion der Medien. Nachfolgend wird die Entwicklung seit Bekanntwerden der Bedrohungslage in Chemnitz dokumentiert:

Als der Journalist Mitri Sirin am 11.10.2016 im ZDF Morgenmagazin BfV Chef Maaßen auf den Pannen Einsatz der Polizei in Chemnitz anspricht reagiert der Verfassungsschützer wenig souverän:

„Wir haben Anfang September einen Hinweis generiert, wonach der IS in Westeuropa, insbesondere auch in Deutschland, Anschläge gegen Infrastruktureinrichtungen, insbesondere Bahnhöfe und Flughäfen, planen sollte und dann ist es uns nach einem Monat gelungen die Person zu identifizieren, die den durchführen könnte. Es war wirkliche Detektivarbeit um auf diese Person zu kommen, den Namen zu finden, ihn zu lokalisieren. Das ist uns dann am Freitag gelungen und wir haben es dann auch sofort an die Polizei weitergegeben. Die hat im Grunde genommen jeden Fall von uns mitgelesen, so auch diesen Fall. (..) Aus meiner Sicht war es 5 vor 12 gewesen und wir haben in soweit alles richtig gemacht. Ich bin immer erstaunt, dass es nachher, ich sage mal, immer Schlaumeier  gibt, die der Polizei und den Nachrichtendiensten Fehler nachweisen wollen. Uns ist es gelungen kurz vor 12 Uhr einen Terroranschlag zu verhindern und das war ein großartiger Erfolg der deutschen Sicherheitsbehörden und das muss man aussprechen. (…) Wir setzen uns zusammen mit Polizeien und Nachrichtendiensten  aus Deutschland und Europa um ein Mehr an Informationen zugewinnen und so ist es auch in diesem Fall gelungen von einer zunächst einmal abstrakten, wenig spezifischen Hinweislage auf einen konkreten Namen zu kommen, indem wir viele Informationen selbst generierten, viele Informationen mit Partnern tauschten, bis wir zu diesem Namen und dieser Adesse kamen. Ich denke jetzt kommt die eigentliche Aufarbeitung durch Polizei und Generalbundesanwaltschaft. Man wird genau ermitteln in welcher Beziehung er zum IS stand. (…) Jedenfalls aus nachrichtendienstlicher Erkenntnislage gibt es gute Gründe zu sagen, er hatte Beziehungen zum IS gehabt. „

Wie aus der abstrakten Hinweislage nun plötzlich eine Adresse generiert wurde verriet Maaßen nicht und der Journalist traute sich wohl auch nicht weiter nachzufragen.

Hans-Georg Maaßen gab ARD Fernsehredakteur Michael Stempfle bereits am Vormittag des 10.10.2016 im ARD-Hauptstadtstudio ein Exklusivinterview. Teile des Interviews wurden am selben Tag in zwei Nachrichtensendungen der ARD eingebaut und auf der Facebook-Seite präsentiert. Maaßen erklärt man habe den Tatverdächtigen am Donnerstag identifiziert und ihn sofort observiert. Im ZDF-Interview sprach er hingegen vom Freitag als Zeitpunkt der Identifikation. Das ZDF meldete am 8.10.2016, dass der Verfassungsschutz Albakr seit Monaten observiert hatte. Welt Online schrieb am 9.10., dass die Beamten den jungen Mann gesehen hatten, den der Verfassungsschutz schon länger beobachtete. Auch der Bundestagsabgeordnete André Hahn von der Linkspartei (stellvertretender Vorsitzender des parlamentarischen Kontrollgremiums für die Geheimdienste) erklärte, man habe den Tatverdächtigen in Chemnitz seit längerem observiert. Dabei ging man nicht einmal sonderlich konspirativ vor. Mehrer Bewohner des Hauses bemerkten Männer die Fotos schossen. Unabhängig von diesem Widerspruch verwundert es etwas, dass der Tatverdächtige, just als seine Observation durchs BfV begonnen haben soll, den Heißkleber kaufen ging. Warum erklärt Maaßen den Sachverhalt mit dem Heißkleber im selben Interview zweimal? Oder wurden mehrere Einstellungen verwendet?  Wann und wo wurden die anderen Chemikalien besorgt? Wie und wann war es gelungen die Telekommunikation des Tatverdächtigen zu überwachen?  Auffällig auch: Maaßen sagt, dass BfV wisse, dass Albakr mit IS-Stellen in Kontakt stand. Das wurde im ZDF Interview von ihm relativiert und vom LKA Sachsen sowie vom GBA bisher nicht bestätigt.

Das ARD-Hauptstadt Interview:

„Wir hatten Anfang September aus nachrichtendienstlichem Aufkommen einen Hinweis, dass der IS in Deutschland einen Terroranschlag gegen Infrastruktur plant, gegen Bahnhöfe, gegen Züge oder Flughäfen. Wir haben – man kann sagen – bis Donnerstag letzter Woche gebraucht, um herauszufinden, wer ist dafür in Deutschland verantwortlich.“ (Auszug aus dem ARD Hauptstadtstudio Interview, dass in der Tagesschau um 20 Uhr 15 gesendet wurde)

„Wir haben in diesem Zusammenhang festgestellt, dass diese Person in der Tat über das Netz, ähm, bestimmte, äh, Chemikalien geordert hatte, äh, um eine Bombe zu bauen. Am vergangenen Freitag haben wir durch eine Observation meiner Mitarbeiter festgestellt, dass er in einem in einem Ein-Euro-Shop Heißkleber, äh, gekauft hatte. Nach unserer Erfahrung ist Heißkleber gebräuchlich bei Personen die Selbstmordattentate durchführen wollen, nämlich um eine Selbst… äh,mordbombe zu bauen.“ (Auszug aus dem ARD Hauptstadtstudio Interview, dass abends in den Tagesthemen um 22 Uhr 15 gesendet wurde.)

„Aus unserer Sicht wäre es ein fataler Anschlag geworden. Nachdem was wir wissen war er in der Lage gewesen Sprengstoff zu bauen, hat es gemacht und das wäre ein Sprengstoff gewesen, der wenn er zum Einsatz gekommen wäre mit Sicherheit viele Menschen zu Schaden gebracht hätte. (…) Aus unserer Wahrnehmung war es in der Tat 5 vor 12 gewesen. Am Donnerstag vergangener Woche konnten wir die Person identifizieren. Wir haben sofort die Observation durchgeführt. Eine 24/7 Observation, also Rund um die Uhr Observation. Wir haben, wie ich sagte, festgestellt, dass er am folgenden Tag in einem 1 Euro Shop dann Heißkleber kaufte und unverzüglich haben wir dann alle Maßnahmen in Bewegung gesetzt damit ein Zugriff erfolgte, weil wir davon ausgingen, dies kann im Grunde genommen das letzte,  die letzte Chemikalie sein, die für ihn notwendig war um eine Bombe herzustellen. (…) Wir hatten Hinweise, nachrichtendienstliche Hinweise, dass er zunächst einmal Züge in Deutschland angreifen wollte. Zuletzt konkretisierte sich dies mit Blick auf Flughäfen in Berlin. (…) Wir wissen, dass er mit IS-Stellen in Kontakt stand, aber ich glaube das muss jetzt in den nächsten Tagen auch aufgeklärt werden, ob er mit einem Auftrag schon im vergangenen Jahr nach Deutschland eingereist ist oder ob der IS ihn später dazu bewogen hat den Anschlag durchzuführen.“ (Auszug aus dem ARD Hauptstadtstudio Interview, auf Facebook veröffentlicht am 11.10.2016)

Maaßens Informationen tröpfeln weiter. Am 12.10.2016 verrät er der FAZ neue Details, die natürlich kein Mensch überprüfen kann:

„Die Hinweise, die die deutschen Sicherheitsbehörden auf den Zeitpunkt eines bevorstehenden IS-Anschlag durch den Syrer Jaber Albakr hatten, waren offenbar präzise. Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, seine Behörde habe den Eindruck gewonnen, „dass der Verdächtige schon in dieser Woche einen Anschlag verüben könnte“. Deswegen erfolgte der Zugriff der Polizei auf Alkabr am Wochenende.“

Seine Behörde hatte den Eindruck gewonnen. Deswegen der Zugriff am Wochenende. Schließlich hatte Albakr ja auch am Freitag den Heißkleber, also die möglicherweise letzte wichtige Chemikalie, günstig erworben. Das war zumindest bis gestern die Begründung für den Zugriff. Ob der hochexplosive Sprengstoff noch immer in der Plattenbausiedlung stünde wenn Albakr sich nicht in den 1-Euro-Shop aufgemacht hätte?

Off Kommentar in der Tagesschau um 20 Uhr:

„Wie Verfassungsschutzchef Maaßen dem ARD-Hauptstadtstudio sagte, habe auch die gute Zusammenarbeit der nationalen und internationalen Sicherheitsbehörden zu diesem Erfolg geführt.“

Der Generalbundesanwalt veröffentlicht seine Stellungnahme am Nachmittag des 10.10.2016:

„Nach den bisherigen Erkenntnissen recherchierte der Beschuldigte Jaber A. zumindest Anfang Oktober 2016 im Internet nach Anleitungen zur Herstellung von Sprengstoffvorrichtungen und Ausrüstungsgegenständen für den Jihad. (…) Erkenntnisse dafür, dass der überaus professionell agierende Beschuldigte Jaber A. bereits ein konkretes Ziel für seinen Sprengstoffanschlag ins Auge gefasst hat, liegen derzeit nicht vor.“

ZDF am 8.10.2016:

„Nach ZDF-Informationen plante Jaber Albakr offenbar einen Sprengstoffanschlag und war seit Monaten unter Beobachtung des Bundesamtes für Verfassungsschutz.“

Anstatt die widersprüchlichen Aussagen der Sicherheitsbehörden auch im Hinblick auf den verpatzten Zugriff vom Samstag zu hinterfragen werden von den Medien weiterhin Hinweise zu Tatsachen umgedeutet und eine behördliche/geheimdienstliche Erfolgstory konstruiert, die nach dem bewährten Muster seit Jahren immer wieder als Rechtfertigung für Überwachung und schärfere Sicherheitgesetze dient. Maaßens Behauptungen stehen in deutlichem Widerspruch zur ebenfalls gestern veröffentlichten Stellungnahme der Generalbundesanwaltschaft. Weder werden dort „ausländische Dienste“ erwähnt, noch sind konkrete Ziele oder gar eine IS-Verbindung des Verdächtigen aufgeführt. Der Beschuldigte soll laut GBA zumindest Anfang Oktober im Internet nach Anleitungen zur Herstellung von Sprengstoffvorrichtungen und Ausrüstungsgegenständen gesucht haben. Maaßen sagt, man habe den Verdächtigen erst am 6. Oktober als potentiellen IS-Täter identifiziert. Demnach wurden sämtliche Erkenntnisse (Internetrecherchen und Käufe des Verdächtigen) mittels Observation am letzten Donnerstag und Freitag gewonnen. Wie der Geheimdienst die Informationen über Albakrs Internetkäufe und seine Recherchen erlangte lässt Maaßen offen. Unklar ist zudem nach wie vor warum das BfV den Fall dem LKA Sachsen überließ und BKA und GBA nicht sofort involviert wurden.

Am 14.10.2016 gibt es auf Welt Online (Florian Fade) neue Hinweise zur Geheimdienstarbeit im Fall des mittlerweile verstorbenen Albakr. Der entscheidende Hinweis kam, wie sollte es anders sein, aud den USA:

„US-Geheimdienst hörte Telefonate von al-Bakr ab. Die Amerikaner hatten offenbar Telefongespräche zwischen ihm und dem IS in Syrien abgehört. Al-Bakr soll gesagt haben: „Zwei Kilo sind fertig“ und dass ein „großer Berliner Flughafen“ ein gutes Ziel sei. Dschaber al-Bakr ist tot. Mit seinem T-Shirt erhängte sich der 22-jährige Syrer am Mittwochabend in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt in Leipzig. Es ist reine Spekulation, ob sich al-Bakr je zu seinen mutmaßlichen Anschlagsplänen geäußert hätte. Jetzt aber kann er es nicht mehr – zum Leidwesen der Ermittler. Wichtige Fragen bleiben weiter ungeklärt: Gab es Hintermänner, gar Auftraggeber eines Sprengstoffanschlags in Deutschland? Handelte der Bombenbauer alleine oder gibt es gar eine Terrorzelle? War al-Bakr ein IS-Terrorist, womöglich in Syrien ausgebildet? Die Ermittler gehen aktuell davon aus, dass Dschaber al-Bakr zumindest über Kontakte zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verfügte. Nach Informationen der „Welt am Sonntag“ bekamen die deutschen Sicherheitsbehörden in der vergangenen Woche einen entscheidenden Hinweis zu dem geplanten Bombenanschlag von einem US-amerikanischen Geheimdienst, der wohl die Kommunikation des Syrers überwachte. Demnach soll der US-Geheimdienst mehrere Telefongespräche von Dschaber al-Bakr abgehört haben – darunter auch jene mit mutmaßlichen IS-Kontaktleuten in Syrien. Darin soll der 22-jährige Asylbewerber auch über die Sprengstoffherstellung und seine Anschlagspläne gesprochen haben. „Zwei Kilo sind fertig“, soll Dschaber al-Bakr seinem IS-Kontaktmann mitgeteilt haben. Gemeint war damit offenbar der von ihm produzierte Sprengstoff. Außerdem nannte Al-Bakr auch ein mögliches Anschlagsziel. Ein „großer Berliner Flughafen“ sei „besser als Züge“. Das Telefonat soll ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass sich die Behörden in Sachsen am Samstag schließlich zum Zugriff entschieden. In der Wohnung in Chemnitz, in der Dschaber al-Bakr zuletzt lebte, fanden die Ermittler neben zwei Zündern, Muttern, Klebstoff und Metallrohren auch rund ein Kilogramm Chemikalien, die als Grundsubstanz für den hochexplosiven Sprengstoff Triacetontriperoxid (TATP) gelten. Rund 500 Gramm des weißen Kristallpulvers waren bereits fertiggestellt und wurden von Experten des sächsischen Landeskriminalamtes in einem Erdloch kontrolliert gesprengt. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die seit Samstag die Ermittlungen im Fall des verhinderten Terroranschlags führt, geht davon aus, dass Dschaber al-Bakr eine Sprengstoffweste herstellen wollte. Der Mieter der Chemnitzer Wohnung, in der al-Bakr zuletzt lebte, der 33-jährige Syrer Khalil A., befindet sich derzeit in Haft. Gegen ihn wird wegen des Verdachts der Beihilfe ermittelt.“


Die drei Screenshots der Seiten von Zeit Online, Tagesschau.de und SPON vom 10.10.2016 dokumentieren drei spekulative Meldungen/Falschinformationen. Weder der Sprengstoff TATP, noch der IS-Kontext, noch das Terrorziel Flughafen wurden heute als gesicherte Fakten von den zuständigen Behörden bestätigt:

n-tv am 9.10.2016:

„Die Behörden wollten sich bislang offiziell weder zur Zusammensetzung des Sprengstoffs noch zu Hintergründen, möglichen Anschlagszielen oder der Motivation des Verdächtigen äußern.“

Off Kommentar zu einem Bericht im Heute Journal vom 8.10.2016:

„Mitten im Interview mit dem Sprecher des Landeskriminalamts in Chemnitz heute Abend. (Lauter Knall zu hören) Einige Hundert Gramm Sprengstoff werden kontrolliert zur Explosion gebracht. TATP. Die gleiche Mischung wie sie bei den Anschlägen von Paris und Brüssel von Islamisten verwendet wurde.“

Woher wusste das ZDF am 8.10. dass es sich bei dem Sprengstoff um TATP handelt? Der Sprecher des LKA hatte dies nicht formuliert. Tage später sollte der Präsident des LKA Sachsen erklären, die vor Ort befindlichen Spezialisten des LKA hätten geschlussfolgert, dass es sich bei dem Sprengstoff um TATP handeln könnte. Diese Art würde dem verwendeten Sprengstoff bei den Attentaten von Paris und Brüssel entsprechen.

Georg Mascolo glaubt am 10.10.2016 im Nachtjournal der ARD zu wissen was Thomas de Maiziere meint, ignoriert ebenfalls die Stellungnahme der Generalbundesanwaltschaft und des Präsidenten des LKA Sachsen und fabuliert über eine neue Dimension des Terrorismus:

„Ich glaube, dass was Thomas de Maiziere heute hat sagen wollen ist, dass die Dimension so besorgniserregend ist, dass wir in Sachsen einen Fall gesehen haben wie wir es bisher nicht kannten. Ne große Menge bereits fertig angemischter Sprengstoff, wie er in Paris und Brüssel verwandt worden ist. Weitere Chemikalien aus denen man weiteren Sprengstoff hätte anmischen können. Material zum Bau einer Rohrbombe. Ne Sprengstoffweste. Und dann bereits ein offensichtlich bestehender Kontakt zum sogenannten IS, mit dem der oder die Täter darüber diskutieren, was Ziele in Deutschland sein könnten. Es soll um Infrastruktur gegangen sein, Bahnhöfe, Züge, Flughäfen. Das ist etwas, was wir bei aller Gewöhnung, unglücklicher Gewöhnung, an diese Form von Terrorismus in dieser Form bisher nicht kannten hier in Deutschland.

Fertig gemischter Sprengstoff? Nie gesehen! Rohrbomben in Deutschland? Ein Novum! Anschlagsplanungen für Bahnhöfe oder Flughäfen? Nie gehört!

Der Bundestagsabgeordnete André Hahn von der Linkspartei (stellvertretender Vorsitzender des parlamentarischen Kontrollgremiums für die Geheimdienste) am 11.10.2016:

„Ich freue mich über jeden Erfolg unserer Sicherheitsbehörden im Kampf gegen den Terrorismus. Wenn es gelingt, Anschläge in Deutschland zu verhindern und damit Leben zu retten, dann gebührt den Einsatzkräften dafür Dank und Anerkennung. Trotzdem: Man hat den Tatverdächtigen in Chemnitz seit längerem observiert, und dass ihm trotz eines Großaufgebots von Beamten und Spezialeinheiten die Flucht gelungen ist, war gewiss kein Ruhmesblatt. Und dass man ihn am Ende dennoch festnehmen konnte, war nicht das Ergebnis polizeilicher Ermittlungsarbeit, sondern dem mutigen Einsatz anderer syrischer Flüchtlinge zu verdanken.“

SPON wagt am 11.10.2016 eine vorsichtige Kritik am Polizeieinsatz vom Samstag:

„So konnte Albakr entkommen – ein Mann, von dem die Polizei in ihrem Fahndungsaufruf selbst sagte, er „schlurfe“ und sein Gang sei ohne Körperspannung. Er konnte auch deshalb fliehen, weil es die Polizei versäumt hatte, einen zweiten Ring mit Einsatzkräften um das observierte Wohnhaus zu ziehen.

Im selben Artikel bejubelt Christoph Sydow allerdings die Zusammenarbeit der deutschen und ausländischen Dienste beruhend auf den Vorgaben von BfV Chef Maaßen. Gefälligkeitsjournalismus ohne kritische Reflexion:

„Deutschland ist nur knapp einem islamistischen Terroranschlag entgangen. „Es war fünf vor zwölf“, sagt Hans-Georg Maaßen, Chef des Bundesverfassungsschutzes. Jaber Albakr hatte mehrere hundert Gramm des hochexplosiven Sprengstoffs TATP hergestellt, der auch bei den IS-Anschlägen in Paris und Brüssel eingesetzt wurde. Die zuvor geglückte Enttarnung des Gesuchten war das Ergebnis gelungener Geheimdienstarbeit. Anfang September erhielt das Bundesamt für Verfassungsschutz einen ernstzunehmenden Hinweis darauf, dass die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) Attentate gegen Infrastruktur in Deutschland plane. Die Information soll von einem befreundeten ausländischen Nachrichtendienst gekommen sein. Der Fall Albakr zeigt, dass die Zusammenarbeit der internationalen Geheimdienste bei der Terrorabwehr offenbar gut funktioniert – trotz der Irritationen um die NSA-Spähaffäre und der Forderungen an die Regierung, die Zusammenarbeit mit den US-Geheimdiensten zurückzufahren.

Bezeichnenderweise (re)-produziert Autor Sydow in dem Artikel Widersprüche, die
Maaßens Darstellung als unlogisch entlarven:

„Zunächst war dem deutschen Inlandsgeheimdienst aber noch unklar, wer den Anschlag im Auftrag des IS in Deutschland ausführen sollte. „Wirkliche Detektivarbeit“ sei nötig gewesen, um Albakr zu identifizieren und ausfindig zu machen, sagte Maaßen. Erst am Freitag sei es gelungen, den Verdächtigen in Chemnitz zu lokalisieren – dann habe der Verfassungsschutz seine Erkenntnisse umgehend an die Polizei weitergegeben.Deren Beamte observierten ab Freitagabend das Haus in der Straße Usti nad Labem 97, in dem sich Albakr aufhielt. Doch offenbar verhielten sich die Einsatzkräfte dabei nicht besonders diskret. Mehreren Bewohnern fiel auf, dass Zivilpolizisten das Gebäude beobachteten und fotografierten. Trotzdem gelang es der sächsischen Polizei nicht herauszufinden, in welcher Wohnung sich der Gesuchte aufhielt, weil er nicht in Chemnitz gemeldet war, sondern in der nordsächsischen Kleinstadt Eilenburg. In dem Plattenbau in Chemnitz habe es mehrere Mieter mit arabisch klingenden Namen gegeben, so Jörg Michaelis, Chef des sächsischen Landeskriminalamtes.Deshalb entschied die Einsatzleitung, mit dem Zugriff zu warten, bis Albakr das Haus verlassen würde. Zu diesem Zweck bezog ein Spezialeinsatzkommando Position vor dem Gebäude. Noch während die Vorbereitungen für den Zugriff liefen, verließ ein verdächtiger Mann das Haus. Beamte forderten ihn auf stehenzubleiben. Auch ein Warnschuss hielt den Flüchtenden nicht ab, er entkam. Die Verfolgung des Mannes sei gescheitert, da die Polizisten des SEK eine 35 Kilogramm schwere Schutzkleidung trugen. „Ein erneuter Schuss konnte nicht abgegeben werden, da unbeteiligte Personen in der Nähe waren“, sagte LKA-Chef Michaelis. Nach seinen Angaben ist noch nicht abschließend geklärt, ob es sich bei diesem Mann tatsächlich um Albakr handelte. Es spricht jedoch alles dafür, schließlich wurde Albakr vom Verfassungsschutz wenige Tage zuvor in Chemnitz fotografiert, außerdem hatte der Verdächtige offenbar trotz des Warnschusses Grund zur Flucht vor der Polizei.“

Es handelte sich also beim Zugriff am Samstag wahrscheinlich um Akbar, da dieser wenige Tage zuvor in Chemnitz vom BfV fotografiert wurde. Lokalisiert wurde er aber laut Maaßen am Freitag. Wie soll er Tage vorher dort fotografiert worden sein, wenn man ihn erst Freitag in Chemnitz lokalisierte? Logischerweise könnte er demzufolge nur am Freitag fotografiert worden sein. Die ausführliche Pannen-Apologetik des LKA ist nachfolgend dokumentiert.

LKA-Präsident Jörg Michaelis in der Pressekonferenz am 10.10.2016 (Transkript):

„Die Ausgangshinweise zu diesem Sachverhalt stammen aus dem nachrichtendienstlichen Erkenntnisaufkommen des BfV. Die Federführung und Koordination oblag in dem Fall dem BfV. Unterstützt haben der BND, das Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen sowie die Verfassungsschutzbehörden der Länder Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Nach vagen Ersthinweisen Mitte September gelang es diese in den letzten Tagen durch umfangreiche nachrichtendienstliche Maßnahmen zu verdichten und schließlich der Polizei zu übermitteln. Bei der Lagebewältigung hat sich das gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum als gemeinsame Einrichtung der Polizei und Verfassungsschutzbehörden als Institution hervorragend bewährt. Im Rahmen des gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrums erfolgte am Freitag die Übermittlung der vorliegenden Informationen an die Polizei. Diese Kurzfristigkeit zeigt auch sehr eindrucksvoll die Dynamik der Lageentwicklung. Vorgehensweise und Verhalten des Verdächtigen sprechen derzeit für einen IS-Kontext. (…) Nach diesen Information hatte Albakr im Internet Recherchen zur Herstellung von Sprengsätzen durchgeführt und sich entsprechende Grundstoffe beschafft. Es musste davon ausgegangen werden, dass der Sprengsatz möglicherweise in Form einer Sprengstoffweste kurz vor der Fertigstellung steht oder sogar einsatzbereit ist. (…)  Was ganz wichtig ist: wir wussten nicht in welcher Wohnung der Tatvedächtige sich tatsächlich aufhält. Es gab auch mehrere ausländisch klingende, arabisch klingende Namen in diesem Mehrfamilienhaus. Daher waren umfangreiche Aufklärungsmaßnahmen notwendig. Eine Wohnung hat sich dann im Zuge dieser Aufklärungsmaßnahmen herauskristallisiert. Deshalb wurde durch zwischenzeitlich vor Ort befindliche Einsatzkräfte des SEK Sachsen ein Zugriff auf diese Wohnung vorbereitet. Letztlich mussten wir diesen Zugriff aber abbrechen, da wir trotz intensivster Aufklärungsbemühungen nicht zweifelsfrei klären konnten, ob sich Albakr tatsächlich in dieser Wohnung befindet. Immer noch war nicht sicher, dass er sich nicht auch in einer anderen Wohnung aufhält. Wenn er polizeiliche Maßnahmen bemerkt hätte, bestand die Gefahr, dass er mit der Umsetzung des Sprengsatzes mit unkalkulierbarem Risiko reagieren würde. Insoweit bestand für uns eine Abwägung des Risikos. Eine Evakuierung war aus genau diesen Gründen, den Polizeieinsatz offenzulegen, zu diesem Zeitpunkt noch nicht durchzuführen. Der Evakuierungslärm hätte bemerkt werden können. Deshalb wurde entschieden ein Zugriffsvariante außerhalb des Gebäudes, beispielsweise wenn der Tatverdächtige dieses verlassen hätte, durchzuführen. Noch während diese Zugriffsmaßnahme außerhalb vorbereitet wurde, verließ am Samstag kurz nach 7 Uhr eine männliche Person das Haus. Das wurde von Observationskräften aus einiger Entfernung bemerkt. Auch ganz wichtig dann: nicht sicher war, ob es sich bei der Person um den Albakr handelt, wurde er aus einiger Entfernung von Einsatzbeamten aufgefordert stehen zu bleiben. Die Person ergriff daraufhin die Flucht. Mittels Warnschuss wurde versucht, das Stehenbleiben zu erreichen. Der Flüchtende reagierte nicht. Eine Schussabgabe auf ihn war nicht möglich und viel zu riskant da sich unbeteiligte Personen in Schussrichtung befanden. Die unmittelbare Verfolgung des Alba.., des Flüchtenden, scheiterte. Hier ein Hinweis: die Einsatzbeamten trugen immer noch einsatzbedingt ihre schwere Schutzausrüstung mit einem Gewicht über 30 Kilogramm. Weiträumige Fahndungsmaßnahmen im Wohngebiet sind sofort durchgeführt worden auch mit Unterstützung der Kollegen der Polizeidirektion Chemnitz. Beamte des SEK blieben am Objekt, da nicht sicher war ob es sich bei dem Flüchtenden tatsächlich um den Albakr gehandelt hat. Als die sogenannte Tatortbereichsfahndung nicht zum Erfolg führte und zwischenzeitlich eine unbekannte männliche Person das Haus betreten hatte, was die Observavationskräfte festgestellt haben, wurden die Kräfte wieder am Objekt konzentriert und eine Durchsuchung des gesamten Gebäudes vorbereitet. Das Tageslicht war angebrochen. Die polizeilichen Maßnahmen um das Haus herum waren zwischenzeitlich sichtbar. Das war auch für den Tatverdächtigen möglich. Daher musste die Entscheidung getroffen werden, die vermutete Tatwohnung schnellstmöglich zu durchsuchen. Der Tatverdächtige sollte ergriffen werden. Die bislang verdeckt und etwas abgesetzt geführten Maßnahmen wurden nun mehr offen durchgeführt. Es erfolgte eine Evakuierung der Bewohner der unmittelbar angrenzenden Wohnungen. Anschließend wurde die Täterwohnung durch SEK-Kräfte gestürmt. Die Zugangssprengung hierzu war genau kalkuliert. Wir führen deswegen Zugangssprengungen durch um möglichst schnell in ein Objekt oder in eine Wohnung zu gelangen. Albakr befand sich nicht in der Wohnung. Im weiteren wurde das gesamte Gebäude schrittweise evakuiert und durchsucht. Der Tatverdächtige wurde nicht festgestellt. In der Täterwohnung haben wir neben Metallteilen wie Muttern, zwei Zünder, mehrere Hundert Gramm sprengstoffverdächtige Substanzen gefunden. Darunter auch solche in kristalliner Form. Die vor Ort befindlichen Spezialisten des LKA schlussfolgerten, dass es sich hierbei um TATP handeln könnte. Diese Art würde dem verwendeten Sprengstoff bei den Attentaten von Paris und Brüssel entsprechen. Der Sprengstoff ist äußert sensibel, hochexplosiv und instabil. Für Zwecke der Beweissicherung im Strafverfahren wurde selbstverständlich eine geringe Menge entnommen. Den Großteil der Substanz haben Spezialisten vor dem Gebäude kontrolliert entsorgt. (…) Der Generalbundesanwalt kann sich immer in ein Verfahren einklinken, das Verfahren an sich ziehen. Staatsminister Ulbig hat ja bereits darauf hingewiesen, hier in diesem Fall war es die Art des Sprengstoffs, äh, TATP, und die Menge die gefunden worden ist. Deswegen hat der GBA gestern entschieden, im Laufe des späteren Nachmittags, das Verfahren zu übernehmen. (…) Warum eine Bundesbehörde nicht auf die GSG 9 zugeht müssen Sie die Bundesbehörde fragen. „

Der Evakuierungslärm hätte bemerkt werden können und wurde zu diesem frühen Zeitpunkt nicht durchgeführt? Die Aussage der stellvertretenden LKA-Sprecherin Kathlen Zink legt nahe, dass genau dies eingetreten ist und dass Albakr morgens um 7 Uhr bemerkt wurde während die Polizei bereits evakuierte:

„Der mutmaßliche Haupttäter habe sich am Samstagmorgen an der Tür des observierten Wohnblocks gezeigt, während die Polizei noch dessen Bewohner evakuierte und die Umgebung absperrte, sagte die stellvertretende LKA-Sprecherin Kathlen Zink. (…) Unklar sei, ob der Mann zufällig an den Eingang gekommen sei oder durch die Vorbereitung der Razzia alarmiert wurde. „Aufgrund der starken Polizeipräsenz liegt der Verdacht nahe, dass er etwas mitbekommen hat“, sagte die Sprecherin.“ (Reuters 9.10.2016)

Tom Bernhardt, der Pressesprecher des LKA zu den Ereignissen in Chemnitz am 9.10.2016 im ZDF Heute Journal:

Off Kommentar: Die Polizei erklärt warum er entkommen konnte.

„Wie waren mittelst in einem Wohngebiet. Das Haus war noch nicht evakuiert. Wenn man sich hier blindlings und mit allen physischen Mitteln auf diese Person stürzt könnte es durchaus sein, dass dieser diesen vermuteten Sprengstoff zündet. Das kann man nicht riskieren so lange dort Leute drinne sind.“

Observationsfoto des Tatverdächtigen, der monatelang vom Verfassungsschutz beobachtet wurde (veröffentlicht am Abend des 9.10.2016)

„Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) sagte, dass der 22-Jährige am Nachmittag einem Haftrichter in Dresden vorgeführt wurde. Ulbig sprach von einem „großartigen Erfolg“. Die Sicherheitsbehörden in Bund und Ländern hätten „ganz konsequent und erfolgreich“ zusammengearbeitet.“ (ORF 10.10.2016)

O-Ton Ulbig:

„Das Wochenende und die Aktivitäten haben gezeigt, dass wir im Zusammenspiel und im schnellen Informationsaustausch der Behörden untereinander die Sicherheit der Menschen in unserem Lande gewährleisten können.“

Elmar Theweßen im ZDF heute Journal am 10.10.2016:

„In der Tat sagen uns langjährige Ermittler, das sah nicht nach Lehrbuch aus, was da passiert ist am frühen Samstag Morgen. Ganz offenbar hat man versäumt einen zweiten Kreis zu ziehen, das heisst wenn im ersten Kreis der Täter durchschlüpft, dann durch eine zweite Abriegelung er nicht durchschlüpfen kann.“

Ein großartiger Erfolg ? Eine konsequente und erfolgreiche Zusammenarbeit der Sicherheitshörden? An dem Urteil des Ministers sind berechtigte Zweifel angebracht. Hat ein 22-jähriger Refugee unter den Augen des Verfassungsschutzes in einem Chemnitzer Wohnhaus TATP hergestellt? Wussten die Sicherheitsbehörden, dass ein junger Mann mit mußlichen Kontakten zum sogenannten IS in einem Chemnitzer Wohnhaus mit Chemikalien hantierte? Wurde er beim Kauf der Zutaten observiert? Woher wusste die Polizei, dass sie in dieser Wohnung Sprengstoff finden könnte? Bestand eine Gefährdung für die Bevölkerung, bzw. die Bewohner des Hauses? Oder wurde die Gefährdungslage wie im Fall der sogenannten Sauerland-Gruppe maßlos übertrieben dargestellt? Auch die widersprüchlichen Stellungnahmen der sächsischen Polizei zu dem verpatzten Zugriff am Samstag Morgen, bei dem der Tatverdächtige entkam, werfen Fragen auf. Eine Chronologie:

„Nicht jeder kann TATP in seiner Küche zusammenmischen. Eine Anleitung aus dem Internet reicht auch nicht aus. So einfach sei das nicht, sagt Thomas Klapötke, Professor für Chemie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München: „Ich bezweifle, dass man irgendjemandem das Rezept in die Hand geben könnte, und der kocht das dann nach“, so der Sprengstoffexperte.(…) TATP hat einen immensen Nachteil: bei der kleinsten Wärmeeinwirkung, bei der geringsten Erschütterung, fliegt er in die Luft. Er ist extrem instabil und hoch empfindlich gegen Schläge und Reibung. So bilden sich schon bei Raumtemperatur und der Lagerung des Chemikaliengemischs in einem geschlossenen Gefäß im Bereich des Verschlusses schnell kleine Kristalle aus, die alleine durch die Reibung beim Öffnen des Gefäßes zur Detonation führen können. Das ist der große Nachteil von TATP. Der Sprengstoff ist unberechenbar und empfindlich wie ein rohes Ei.“ (Deutschlandfunk 24.3.2016)

Am 8.10.2016 gegen 11 Uhr twittert die Polizei Sachsen:

„Zur Zeit haben wir eine statische Gefährdungslage im Fritz-Heckert-Gebiet in #Chemnitz, #C0810 und sind mit starken Einsatzkräften vor Ort“

Tom Bernhardt, der Pressesprecher des LKA zu den Ereignissen in Chemnitz  gegen 14 Uhr:

„Also wir haben da jetzt keine Bombe, keinen Sprengstoff gefunden. Nur Hinweise darauf, dass hier entsprechend mit Materialien hantiert wurde. Jetzt hier vor Ort werden die ersten Maßnahmen wieder runtergefahren.“

Tom Bernhardt, der Pressesprecher des LKA zu den Ereignissen in Chemnitz  gegen 17 Uhr:

„Aktuell können wir verlautbaren, dass wir in der Wohnung, die wir bereits geöffnet hatten, nun doch größere Mengen an Sprengstoff gefunden haben und zwar mehrere Hundert Gramm. Wie bereiten jetzt die entsprechende Entsorgung des Materials vor. Es soll sich wohl um eine sehr brisante Mischung handeln, dass heißt er ist nicht ohne weiteres transportfähig und auch entsprechend gefährlich. Unsere Kollegen versuchen diesen Stoff jetzt aus der Wohnung zu bringen und in einem eigenen Bereich entsprechend zur Umsetzung zu bringen, abzubrennen, zu delaborieren, wie immer man das bezeichnen möchte. (…) Insofern haben wir jetzt hier eine Entwicklung und haben etwas gefunden wonach wir auch gesucht haben. (…) Es waren wohl mehrere 100 Gramm laut Auskunft unserer Spezialisten und die wurden halt erst jetzt gefunden, weil die wahrscheinlich nicht irgendwo auf dem Küchentisch ‚rumlagen sondern wohl doch schon relativ gut versteckt waren.“

Bernhardt erklärt weiterhin via Facebook:

„Wir haben entsprechende Bautechnik angefordert. Es werden Löcher ausgehoben und in diesen Löchern versuchen wir dann, das aufgefundene Material zu entsorgen. Wir reden hier von einer kontrollierten Sprengung oder zumindest die Herbeiführung einer Umsetzung. Das heißt: dieses Material ist dann nicht mehr explosiv.“(via SWR Info)

Tom Bernhardt im Freie Presse Interview vom 8.10.2016:

„Wir erhielten am gestrigen Tag aus dem Bereich des BfV einen Hinweis, dass es hier die Vorbereitung eines Sprengstoffanschlages geben könnte. Das haben wir natürlich sofort in eine Maßnahme und in die Einleitung eines entspechenden Verfahrens umgesetzt und haben bereits schon in den Nachtstunden entsprechende Maßnahmen getroffen. Wir konnten die Person hier im Bereich Chemnitz, im Fritz Heckert Gebiet, zunächst orten, wussten noch nicht konkret wo. Im Laufe der Nacht haben sich dann auch mit technischen Mitteln Hinweise zum Aufenthalt der Person ergeben. Wie haben dann entspechende Observationsmaßnahmen durchgeführt und dann auch in der Folge Durchsuchungsmaßnahmen eingeleitet. Das machte notwendig, dass wir Leute aus dem Umfeld evakuiert haben und dass wir einen recht großen Absperrkreis errichtet haben.“

Auf Nachfrage um was für explosives Material es sich handelte antwortet der SWR:

Laut LKA ein „Gemisch aus Substanzen, das gefährlicher als TNT ist“.

ZDF Heute berichtet am frühen Abend:

„Gefundener Sprengstoff in Chemnitz ist TATP. (…) Nach ZDF-Informationen plante Jaber Albakr offenbar einen Sprengstoffanschlag und war seit Monaten unter Beobachtung des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Unter den angedachten Zielen war auch ein Flughafen. Er wollte die Attacke allein ausführen, hat aber Mitwisser im Inland, sowie eine Verbindung in IS-Kreise im Ausland. Albakr ist 2015 als Flüchtling eingereist und wurde als Asylbewerber anerkannt.“

Ein ARD Journalist in einer Live Schaltung am späten Nachmittag:

„Den Zugriff hat die Polizei hier vorgenommen heute, weil es Hinweise vom Bundesverfassungsamt (sic) gab auf den Hauptverdächtigen und darauf, dass er von der Planungsphase möglicherweise übergehen könnte recht bald in die Realisierungsphase.“

Nach der „kontrollierten Sprengung“ berichtet Heute.de im Liveblog:

„Der in einer Wohnung in Chemnitz gefundene Sprengstoff war weit gefährlicher als TNT, so ein Sprecher des LKA Sachsen nach der kontrollierten Sprengung vor Ort. Es habe sich um einen „hochbrisanten Sprengstoff“ gehandelt, von dem eine „vergleichsweise geringe Menge extremen Schaden anrichten kann“. Es habe eine erhebliche Detonation bei der Sprengung gegeben. „Wir konnten eine erhebliche Gefährdung für die Bevölkerung reduzieren.“ Nach ZDF-Informationen handelt es um TATP – den gleichen Stoff, der auch bei Anschlägen in Paris und Brüssel eingesetzt worden war.“

Die Polizei Sachen weiß zwar nicht, was der Verdächtige bei sich trägt und wo er sich aufhält aber dass er aktuell mit einem schwarzen Kapuzensweatshirt mit auffälligem Druck bekleidet ist, scheint außer Frage zu stehen. Auf die Idee zu Albakrs alter Wohnung in Eilenbeck zu fahren kam leider niemand.

„Al-Bakrs kleine Wohnung im Erdgeschoss wurde schon vor einiger Zeit vom Hausmeister ausgeräumt. Auch das Schloss wurde ausgetauscht, weiß Hinrichs. Vermutlich kam er noch mit einem alten Schlüssel in das Haus. „Als ich die Fahndungsaufrufe im Internet sah, wusste ich sofort, dass das unser Nachbar war“, so Hinrichs. (…) Die Tür geöffnet haben die beiden nicht, stattdessen rief seine Lebenspartnerin die Polizei. Erst nach einer Stunde seien die Beamten vor Ort gewesen, erzählt Hinrichs. Da war der Gesuchte längst wieder weg. Ein Auto hat Hinrichs nicht gehört. Möglich, dass er dann einen Zug nach Leipzig genommen hat, so Hinrichs. Zum Bahnhof sind es von dem Mehrfamilienhaus etwa 15 Minuten Fußmarsch. Wie er den Ermittlern ein zweites Mal entkommen konnte, bleibt weiterhin rätselhaft.“ (Welt Online 12.10.2016)

„Bereits in der Nacht zum Sonnabend rückte die Polizei daraufhin in dem Wohngebiet ein und organisierte die Evakuierung. Eine Anwohnerin berichtete, früh am Morgen von der Polizei geweckt worden zu sein. Vor der Tür hätten Polizisten mit Maschinengewehren gestanden und die Bewohner aufgefordert, die Wohnung schnell und leise zu verlassen. Anwohner wurden mit Bussen aus dem Gefahrengebiet gebracht, so die Augenzeugin. Erste Bewohner konnten nach 20 Uhr wieder in ihre Wohnungen zurückkehren.“ (MDR 8.10.2016)

Tagesschau 20 Uhr 15:

„Der Hinweis auf den Mann kam vom Bundesamt für Verfassungsschutz. (…) Der Syrer lebte in der Plattenbausiedlung „Fritz Heckert“ im sächsischen Chemnitz. Noch in der Nacht klingelten schwerbewaffnete Beamte über 100 Anwohner aus ihren Betten. Mit bereitstehenden Bussen wurden sie in ein Hotel gebracht. (…) Ein Spezialeinsatzkommando sprengte am Morgen die Wohnungstür des Verdächtigen, stürmte die Wohnung, traf aber niemanden an. Doch bei der Durchsuchung entdeckte das LKA mehrere Hundert Gramm eines als äußerst gefährlich eingestuften Sprengstoffs.“

Was die Tagesschau sendet ist nicht ganz korrekt: Die Tür wurde gegen 13 Uhr geprengt und nicht am Morgen. Auch die Behauptung die Anwohner seien noch in der Nacht aus den Betten geklingelt worden ist zumindest irreführend.

Der Versuch einer Zusammenfassung:

Das BfV beobachtete über Monate einen verdächtigen, syrischen Mann mit mutmaßlichen Kontakten zum IS. Gestern Abend informierten die Schlapphüte die Polizei über die Person. Diese spürte ihn dann in Chemnitz auf und begann Observationsmaßnahmen.  In der Nacht, bzw. ab dem frühen Morgen wurden Anwohner evakuiert. Mittags wurde dann die Wohnung des Syrers gestürmt und durchsucht. Erst hieß es, es wurde kein Sprengstoff gefunden. Am Nachmittag war dann die Rede von hochbrisantem Sprengstoff, der doch noch gefunden wurde. Die Gegend wurde weiträumig abgesperrt, der Explosivstoff gesprengt, der Verdächtige entkam. Die Polizei weiß nicht wo er ist, was er bei sich trägt, scheint sich aber sicher, dass er einen auffällig bedruckten Sweater trägt, den ein Foto eines Geheimdienstes dokumentiert.

Warum eigentlich wurde das Fußball Länderspiel Deutschland-Tschechien nicht abgesagt?

Am 9.10.2016 bleibt die Nachrichtenlage unübersichtlich. Der Verdächtige ist nicht gefasst. Erstmals keimt der Verdacht, dass der Polizei bei ihrem gestrigen Einsatz eine Panne unterlaufen ist und ob es sich bei dem Explosivstoff tatsächlich um TATP handelte ist noch nicht bestätigt:

„Ein 22-jähriger Syrer, der unter Verdacht steht, mit diesem Material einen Terroranschlag geplant zu haben, ist noch immer auf der Flucht. Womöglich führte eine Polizeipanne dazu, dass Jaber Albakr entkommen konnte. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE war der mutmaßliche Terrorist den Einsatzkräften am Samstagmorgen nur ganz knapp entwischt. Demnach flüchtete der 22-Jährige um 7.04 Uhr aus dem noch nicht lange observierten Haus in der Straße Usti nad Labem 97 in Chemnitz. Die Beamten gaben einen Warnschuss ab, stoppten ihn jedoch nicht. So steht es in einem vertraulichen Lagebericht des sächsischen Landeskriminalamts (LKA). Ein Sprecher des LKA bestätigte das Geschehen auf Anfrage: „Wir waren dabei, den Zugriff vorzubereiten, als der Verdächtige das Haus verließ.“ Ob Albakr die Spezialkräfte der Polizei entdeckt hatte oder zufällig zu diesem Zeitpunkt aus dem Plattenbau ging, ist noch unklar. Gegen den Mieter der Wohnung, auch er stammt aus Syrien, wird inzwischen ebenfalls wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat ermittelt. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE lagen dem Bundesnachrichtendienst und dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) tags zuvor Hinweise vor, dass Albakr ein Sprengstoffattentat vorbereiten könnte. Er hatte sich im Internet über den Bau von Bomben informiert und auch entsprechende Materialien beschafft. Diese Vorbereitungen sollen erst am Donnerstag abgeschlossen worden sein. Am Freitag übermittelte das BfV seine Informationen der Polizei. (…) Ein Terror-Experte des ZDF vermutete, dass es sich dabei um TATP gehandelt haben könnte. Das LKA wollte das derzeit nicht bestätigen, die kriminaltechnischen Untersuchungen dauerten an, hieß es.“ (SPON 9.10.2016)

Wenn, wie tags zuvor gemeldet wurde, bereits in der Nacht Anwohner aus dem Bett geklingelt und mit Bussen evakuiert wurden, liegt der Verdacht nahe, dass der Verdächtige dies bemerkt haben könnte. Fakt ist: Er wurde vom Verfassungsschutz observiert, fotografiert und seine Telekommunikation überwacht. Es war dem Geheimdienst bekannt, dass er Chemikalien besorgt hatte. Letztendlich entkam er dem Oberservationsteam der Polizei.

Die ARD schildert den Ablauf des Zugriffs wie folgt:

„Nach ARD-Informationen bereiteten sich die Einsatzkräfte gerade darauf vor, das Haus zu stürmen, in dem sie Albakr vermuteten, als sie eine Bewegungen einer Person am Gebäude registrierten. Daraufhin gab die Polizei einen Warnschuss ab. Als die Beamten anschließend nichts mehr sahen, gingen sie nach Angaben von ARD-Korrespondent Gunnar Breske offenbar davon aus, dass der Gesuchte zurück ins Haus geflüchtet sei. Ob die wahrgenommenen Person tatsächlich Albakr war, ist allerdings unklar. Jedoch zitiert „Spiegel Online“ aus einem vertraulichen Lagebericht des Landeskriminalamtes, wonach die Einsatzkräfte keinen Zweifel hatten, dass es sich um den Verdächtigen handelt. Ein Sprecher soll dies noch einmal bestätigt haben. Nach dem Vorfall fürchteten die Beamten, dass sich der Terrorverdächtige mit Sprengstoff in der Wohnung verschanzt haben könnte. Deshalb habe das Team länger überlegt, wie man das Haus stürme, berichtete Breske. Schließlich sei die Wohnungstür gesprengt worden.“ (ARD Online 9.10.2016)

Focus schreibt von einem Fiasko und einem Totalausfall der Polizei:

„Der Syrer geriet jedoch schnell ins Visier amerikanischer, französischer und deutscher Geheimdienste. Das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln übernahm die Observierung des Mannes. Ende letzter Woche spitzte sich die Lage dann zu, wie FOCUS Online erfuhr. Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz beobachteten Albakr beim Kauf eines Heißklebers, der beim Bau von Sprengstoffwesten verwendet wird. In einem Dossier über Albakr heißt es, dass der Verdächtige über „profunde Kenntnisse“ in der Herstellung von TATP – dieser Sprengstoff wurde auch in Brüssel und Paris verwendet – und dem hochexplosiven Stoff APEX (Acetonperoxid) verfügt. Am Freitag zwischen 17 und 18 Uhr wandte sich der Verfassungsschutz mit den brisanten Informationen an Generalbundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt. Die wollten den Fall jedoch nicht übernehmen – obwohl das BKA die Glaubwürdigkeit der Hinweise zu Albakr auf einer Skala von eins bis acht mit einer „zwei“ einstufte (Stufe eins ist die höchste Stufe). Das ist nach FOCUS-Online-Informationen die höchste Warnstufe, die es in einem Fall in den letzten Monaten in Deutschland gab. Das Bundesamt für Verfassungsschutz wandte sich daraufhin an das Landeskriminalamt in Sachsen, wo in Eile der Einsatz am Samstag vorbereitet wurde. Wie ein Insider gegenüber FOCUS Online erklärte, kam es dabei zu einem „Totalausfall“ in der Abstimmung zwischen MEK (Mobiles Einsatzkommando) und SEK (Spezialeinsatzkommando). Obwohl die Handynummer von Albakr bekannt war, konnte er nicht in seiner Wohnung geortet werden. Als bereits etliche Einsatzkräfte in der Plattenbausiedlung vor Ort waren, verließ Albakr am Samstagmorgen um 7.04 Uhr mit einem Rucksack die Wohnung – und konnte entkommen. Ein Warnschuss der Polizisten vor Ort traf ihn nicht. Was sich im Rucksack des Mannes befindet, der nach FOCUS-Online-Informationen einen Anschlag auf einen deutschen Flughafen plante: Niemand weiß es! Etwa fünf Stunden später, gegen 12.15 Uhr, stürmte das SEK die Wohnung. Die Beamten fanden dabei eine Weste und eine Rohrbombe. Mieter der Wohnung war Albakr nicht. Erst später kam der Wohnungsmieter zurück, der am Sonntag noch dem Haftrichter vorgeführt wurde. Dabei handelt es sich um einen Bekannten von Albakr.“ (Focus 9.10.2016)

Bild weiß am Nachmittag des 9.10.2016:

„Der 22 Jahre alte Terrorverdächtige Jabar Albakr soll vom IS gezielt im Bau von Bomben und der Herstellung von Sprengstoff geschult worden sein.“

Der Verfassungsschutz schweigt:

„The Syrian national reportedly has an Islamist background, according to German news agency DPA – possibly links to the self-proclaimed extremist group „Islamic State.“ It’s a claim that Stefan Mayer, spokesman for Germany’s Federal Office for the Protection of the Constitution, which gave the tip-off, was unwilling to confirm, citing ongoing operations. He also wouldn’t comment on whether al-Bakr was indeed a registered refugee, as reported by several media outlets. „We’ll have to wait until they catch the guy,“ he told DW in a phone interview, adding that he hoped it wouldn’t take „too long.“ (Deutsche Welle 9.10.2016)

SPON ergänzt die Berichterstattung am selben Tag um weitere Details und ein Eingeständnis des LKA:

„Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE war der mutmaßliche Terrorist den Einsatzkräften am Samstagmorgen nur knapp entwischt. Das sächsische Landeskriminalamt (LKA) verteidigte das Vorgehen der Polizei bei dem Einsatz. Während der Vorbereitungen bemerkten die Beamten eine Person im Haus, sagte ein Sprecher. Der Gesuchte habe sich schnell bewegt und sei trotz eines Warnschusses aus dem Sichtfeld weggelaufen. „Es war unklar, ob der Mann Sprengstoff und einen Zünder bei sich hat.“ Das bis dahin noch nicht evakuierte Haus hätte auch in die Luft fliegen können. „In so einer Situation können wir nicht ins Risiko gehen.“ Zudem gingen die Einsatzkräfte davon aus, dass der Mann wieder ins Haus hineingegangen ist. Für Außenstehende mag das als Panne gelten, sagte Bernhardt. Wie der Verdächtige entkommen ist, sei unklar.“

Sie konnten nicht erkennen ob der Mann davon lief oder ins Haus ging? Wurde er vor oder im Haus erkannt? Das Haus hätte in die Luft fliegen können? Das Haus hätte auch schon am Donnerstag in die Luft fliegen können. Das BfV wusste offensichtlich längst von den Chemikalienkäufen und den Bombenbauplänen. Die aktuellen vom Verfassungsschutz geschossenen Fahndungsfotos sollen so aktuell sein, dass die Polizei immer wieder betont, dass der Verdächtige die darauf zu erkennende Kleidung trägt. Warum wartete die Polizei nach dem 7 Uhr Warnschuss anschließend bis zum Mittag (13 Uhr) bevor sie die Wohnung stürmte? Wie konnte Sie sicher sein dass zu diesem Zeitpunkt keine Gefahr mehr in der Wohnung zu erwarten war? Woher hatten die Beamten nach über fünf Stunden die Gewissheit, dass der Mann nicht in der Wohnung war? Bestand bei der Sprengung der Tür keine Gefahr, dass der vermutete Sprengstoff (TATP) größere Schäden hätte anrichten können? Dass der Verdächtige morgens gesichtet und ein Warnschuss abgegeben wurde verschwieg die Polizei am Samstag.

ZDF Heute am 9.10.2016:

„Als die Polizei den Großeinsatz vorbereitete, bewegte sich eine Person in dem noch nicht evakuierten Haus. Die Beamten erkannten Jaber Albakr und gaben einen Warnschuss ab. Wegen der Möglichkeit, dass der Verdächtige Sprengstoff bei sich hat, gingen die Beamten nach Angaben des LKA nicht auf ihn zu. Sie nahmen an, dass er in die Wohnung zurücklief. Doch der Verdächtige entkam. (…) Weshalb konnte der junge Mann letztlich entkommen, obwohl er seit längerem observiert wurde? Vor dem Eindringen der Polizei in die Wohnung wurden Nachbarn gewarnt und zum Verlassen des Hauses aufgefordert. Angesichts der Tatsache, dass es um einen Sprengstoffverdacht ging, musste sensibel vorgegangen werden, vor allem in einem Wohngebiet, sagte ein LKA-Sprecher. Warum die Wohnungstür aufgesprengt wurde – es gab laut Polizei dabei eine Explosion -, dafür gibt es noch keine Erklärung.“

Tagesschau.de 9.10.2016:

„Inzwischen wurden dazu weitere Details zum Einsatz bekannt. Demnach konnte Albakr gestern nur knapp seiner Festnahme entkommen. Als die Einsatzkräfte am Morgen die Evakuierung und Stürmung des Hauses vorbereiteten, sahen sie den Verdächtigen plötzlich am Haus, wie eine Sprecherin des Landeskriminalamtes (LKA) bestätigte. Die Polizisten hätten daraufhin einen Warnschuss abgegeben.
Als die Beamten anschließend nichts mehr sahen, seien sie davon ausgegangen, dass der Verdächtige zurück ins Haus geflüchtet sei, sagte die Sprecherin. Doch das war nicht der Fall. Der Verdächtige wurde nicht in der Wohnung angetroffen. Dafür aber mehrere hundert Gramm des hochexplosiven Sprengstoffs. Einige sehen in dem fehlgeschlagenen Zugriff ein Versagen der Polizei. Dagegen wehrt sich das LKA. „Es war unklar, ob der Mann Sprengstoff und einen Zünder bei sich hat“, sagte LKA-Sprecher Tom Bernhardt. Das bis dahin noch nicht evakuierte Haus hätte auch in die Luft fliegen können. „In so einer Situation können wir kein Risiko eingehen. (…) Nach Informationen von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ handelte es sich bei dem Syrer um einen Flüchtling, der offenbar Verbindungen zur Terrormiliz „Islamischer Staat“ hatte. Anscheinend war auch schon über ein mögliches Anschlagsziel diskutiert worden: Die Rede war von Berliner Flughäfen. Entsprechende Hinweise liefen beim Gemeinsamen Terrorismus-Abwehrzentrums (GTAZ), beim Bundesnachrichtendienst und dem Verfassungsschutz ein. Als sich diese konkretisierten, rieten die Bundesbehörden der Polizei in Chemnitz zum sofortigen Zugriff. So wurde es auch umgesetzt. Der erste Großeinsatz erfolgte am Samstag in einer Plattenbausiedlung im Fritz-Heckert-Gebiet. Dort fand die Polizei in einer Wohnung, die von dem jungen Mann genutzt wurde, große Mengen Acetonperoxid, kurz TATP. Dabei handelt es sich um Sprengstoff, wie er auch schon bei dem Anschlag in Brüssel eingesetzt worden war. Der Sprengstoff ist laut Polizei gefährlicher als TNT. Laut NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ wurden in der Wohnung auch etwa ein Kilogramm Chemikalien und einen Zünder gefunden. Ferner habe die Polizei Materialien sichergestellt, die nach erster Bewertung zur Herstellung einer Rohrbombe gedient haben könnten. Der Fall wird dem Bericht zufolge von den Sicherheitsbehörden als außerordentlich ernst eingestuft. Das Landeskriminalamt Sachsen warnt vor dem Syrer: „Wir müssen davon ausgehen, dass die Person gefährlich ist.““

Die Beobachtung des Tatverdächtigen lief offensichtlich nicht sehr konspirativ ab:

„Erst am Tag danach kommt heraus, dass die Beamten den jungen Mann gesehen haben, den der Verfassungsschutz schon länger beobachtete. Der junge Syrer bekam wohl mit, wie die Einsatzteams anrückten und entwischte knapp. Das Foto, mit dem die Behörden bundesweit nach dem bärtigen möglichen Helfer der Terrormiliz Islamischer Staat fahnden, entstand nicht lange zuvor. Es stammt nach Angaben der Ermittler vom Geheimdienst und ist „ziemlich aktuell“.„Die waren sehr unauffällig“, sagt eine 26-Jährige. Die Physiotherapeutin lebt mit ihrem Freund, einem Studenten, in der ersten Etage des gesperrten Hauses. Auch der 25-Jährige kann sich nicht erinnern, die Nachbarn mal gesehen zu haben. Dass das Haus beobachtet wurde, haben sie aber bemerkt. Andere Nachbarn berichteten von Männern, die Fotos gemacht haben.“ (Welt Online 9.10.2016)

Glück gehabt!

„Wenn also tatsächlich, wie ZDF und „Bild“ berichten, TATP in der Wohnung im Chemnitzer Fritz-Heckert-Gebiet gefunden wurde, in der ein Sondereinsatzkommando am Samstag den inzwischen gefassten Terrorverdächtigen Jaber al-Bakr suchte, dann hatten die Nachbarn in dem Wohngebiet Glück, dass ihnen nichts passiert ist. Die „Süddeutsche Zeitung“ beschreibt die Wohnung als „regelrechte Bombenwerkstatt“, in der Ermittler 500 Gramm eines fertigen Sprengstoff-Laborats gefunden hätten – und darüberhinaus etwa ein Kilo weiterer Chemikalien, die sich als Zutaten dafür eigneten.“(SPON 10.10.2016)

Update vom 10.10.2016:

Der Tatverdächtige wurde gefasst. Er sprach andere Syrer am Leibziger Hauptbahnhof an. Die nahmen ihn mit in ihre Wohnung, überwältigten ihn und informierten die Polizei.

Selbsterfüllende Spekulationen:

„Der in Leipzig festgenommene mutmaßliche Terrorist Jaber Albakr hatte wahrscheinlich Kontakte zum „Islamischen Staat“ (IS). „Vorgehensweise und das Verhalten des Verdächtigen sprechen für einen IS-Kontext“, sagte der Präsident des Landeskriminalamtes Sachsen, Jörg Michaelis. Damit bestätigen sich entsprechende Berichte aus Sicherheitskreisen.“ (Zeit Online 10.10.2016)

Pressekonferenz des LKA Sachsen:

„Die an das LKA in Dresden übermittelten Informationen besagten laut Michaelis, dass Albakr „aktuell ein Sprengstoffattentat vorbereitet“ habe. Demnach hatte er „im Internet Recherchen zur Herstellung von Sprengsätzen durchgeführt und sich entsprechenden Grundstoffe beschafft“. „Es musste davon ausgegangenen werden, dass der Sprengsatz möglicherweise in Form einer Sprengstoffweste kurz vor der Fertigstellung steht oder bereits einsatzbereit ist“, sagte Michaelis. Die Festnahme des 22-jährigen mutmaßlichen Islamisten gelang in der Nacht zum Montag. „Wir sind geschafft, aber überglücklich“, schrieb die Polizei Sachsen am frühen Morgen auf Twitter. Details der Festnahme wollten die Behörden aus ermittlungstaktischen Gründen nicht mitteilten. Wie ZDF-Terrorismusexperte Elmar Theveßen im ZDF morgenmagazin berichtete, hatte der mutmaßliche Terrorist zwei Syrer am Bahnhof in Leipzig angesprochen und um Unterschlupf gebeten. Dieser wurde ihm gewährt – allerdings fesselten ihn seine Landsmänner und riefen die Polizei, nachdem sie von der Fahndung gehört hatten. Am Samstag war der Mann noch dem Zugriff in Chemnitz entkommen. Die Beamten gaben in dem Plattenbau-Viertel einen Warnschuss ab und sahen ihn auch, konnten ihn aber nicht fassen. Das Landeskriminalamt wies Vorwürfe zurück, es sei eine Panne passiert. In dem noch nicht geräumten Haus habe man zu Recht Sprengstoff vermutet, sagte ein LKA-Sprecher. „In so einer Situation können wir nicht ins Risiko gehen.“ In der Chemnitzer Wohnung fand die Polizei etwa 500 Gramm bereits gemischten Sprengstoff und etwa ein weiteres Kilo Chemikalien, die zum Bombenbau geeignet sind. Es handelt sich dabei um Material, das auch bei den Terroranschlägen von Brüssel und Paris verwendet wurde. Außerdem stellte die Polizei Zünder sicher und Teile, die nach erster Bewertung zur Herstellung von Rohrbomben gedient haben könnten. Der Syrer stand offenbar über das Internet in Verbindung mit dem IS.“ (ZDF heute 10.10.2016)

Der Tatverdächtige wurde observiert, man wusste das seine Vorbereitungen weit fortgeschritten waren aber man wusste nicht in welcher  Wohnung er das TATP kochte:

„Erste Hinweise auf Albakr gab es laut den Ermittlern im September. Darauf hin sei der Tatverdächtige nachrichtendienstlich überwacht worden. Laut LKA-Präsident Michaelis wurden der Polizei am Freitag die Erkenntnis übermittelt, dass Albakr einen Sprengstoffanschlag plant und bei den Vorbereitungen weit fortgeschritten sei. Das zögerliche Eingreifen der Polizei erklärte Michaelis mit einer unübersichtlichen Lage. „Wir wussten nicht, in welcher Wohnung sich der Tatverdächtige aufhielt“, sagte der LKA-Präsident. Daher sei entschieden worden, den Tatverdächtigen im Freien festzunehmen. Während der Vorbereitungen sei Albakr allerdings plötzlich aufgetaucht und dann trotz eines Warnschusses geflohen. Bei der Verfolgung wurden die Polizeibeamten dadurch behindert, dass sie noch ihre schwere Schutzausrüstung für den geplanten Zugriff trugen. „Eine Schussabgabe war nicht möglich und viel zu riskant, weil Unbeteiligte in der Nähe waren“, sagte Michaelis.“ (Zeit Online 10.10.2016)

Eine Erfolgsstory unter Beteiligung ausländischer Dienste! Was sonst:

„Der 22-Jährige habe im Internet Informationen zur Herstellung von Sprengstoffen besorgt. Deshalb „müsste davon ausgegangen werden, dass er eine Sprengstoffweste zur Explosion bringen wollte“. (…) Sachsen Innenminister Markus Ulbig (CDU) lobte den „großartigen Erfolg“ der Festnahme in Leipzig. Damit sei es „wieder einmal gelungen, einen Sprengstoffanschlag in Deutschland zu verhindern“. Er äußerte sich zu Details des mutmaßlichen IS-Terroristen: Demnach kam Al-Bakr im vergangenen Jahr als Flüchtling nach Deutschland und wurde am 19. Februar 2015 in München registriert. Von dort aus wurde er in die Erstaufnahme nach Chemnitz gebracht. Al-Bakr hielt sich mit einer auf drei Jahre befristeten Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland auf. (…) Bundesinnenminister Thomas de Maizière sieht im Fall des Chemnitzer Terrorverdächtigen Parallelen zu den Anschlägen von Frankreich und Belgien. „Die Vorbereitungen in Chemnitz ähneln nach allem, was wir heute wissen, den Vorbereitungen zu den Anschlägen in Paris und Brüssel“, sagte de Maizière. Deutschland stehe unverändert im Zielspektrum des internationalen Terrorismus‘. (…) BND und Bundesamt für Verfassungsschutz wurden nach ARD-Informationen aufgrund von verschiedenen Hinweisen ausländischer Nachrichtendienste auf den Fall aufmerksam.“ (Tagesschau.de 10.10.2016)

Hier wird ein offensichtlich fehlerhaftes Vorgehen in eine Erfolgsstory umgedeutet.

Gestern ließ die Polizei vermelden, sie habe bei der Abgabe des Warnschusses nicht sehen können wohin sich der Tatverdächtige bewegte:

„Der Gesuchte habe sich schnell bewegt und sei trotz eines Warnschusses aus dem Sichtfeld weggelaufen. „Es war unklar, ob der Mann Sprengstoff und einen Zünder bei sich hat.“ Das bis dahin noch nicht evakuierte Haus hätte auch in die Luft fliegen können. „In so einer Situation können wir nicht ins Risiko gehen.“ Zudem gingen die Einsatzkräfte davon aus, dass der Mann wieder ins Haus hineingegangen ist. Für Außenstehende mag das als Panne gelten, sagte Bernhardt. Wie der Verdächtige entkommen ist, sei unklar.“ (SPON)

Heute nun die neue Version:

„Als das SEK am Samstagmorgen ein anderes Vorgehen vorbereitete, verließ der Verdächtige gegen sieben Uhr das Gebäude. Die Ermittler wussten nicht, wer dort das Haus verließ und forderten den Mann aus einiger Entferung auf, stehenzubleiben. Als dieser das nicht tat, gaben sie einen Warnschuss ab. Auf den Mann zu schießen sei nicht möglich gewesen, da sich andere Personen in der Schusslinie befunden hätten, hieß es vom LKA. Als der Mann davonrannte, konnte ihm niemand folgen, weil alle Einsatzkräfte schwere Schutzausrüstung trugen. „

Die Tagesschau berichtete vorgestern die Evakuierung der Anwohner habe in der Nacht begonnen. Man kann davon ausgehen, dass die Evakuierung also bereits um 7 Uhr im Gange war. Welche Personen befanden sich in der Schusslinie? Beamte? Anwohner?

Zudem stellt sich folgende Frage: wenn die Polzei nicht wusste in welcher Wohnung sich der Verdächtige aufhielt, woher wusste sie welche Wohnungen evakuiert werden konnten? Nach langer Obversation durch das BfV war sicher bekannt in welcher Wohnung der Sprengstoff produziert und aufbewahrt wurde.

„Der mutmaßliche Haupttäter habe sich am Samstagmorgen an der Tür des observierten Wohnblocks gezeigt, während die Polizei noch dessen Bewohner evakuierte und die Umgebung absperrte, sagte die stellvertretende LKA-Sprecherin Kathlen Zink. (Reuters)

Der Einsatz begann bereits in der Nacht. Warum wurde nicht das Areal abgesperrt bevor man den Verdächtigen in dem Haus aufscheuchte? Anwohner sprachen von „Sturm klingeln“.

Generalbundesanwalt Peter Frank am Abend des 10.10.2016 im tagesthemen-Interview:

„Die Gefährlichkeit drückt sich vor allem dadurch aus, dass er einen sehr hochexplosiven Sprengstoff entwickelt hat, für den spezielles Know-how notwendig war, und dies hat er in einer sehr großen Menge getan. Deswegen haben wir die Ermittlungen übernommen.“

Michael Götschenberg, ARD-Terrorismusexperte liefert am 10.10.2016 einen hübschen Gefälligkeitsartikel für Maaßens BfV und kolportiert fleißig die Vorgaben und „Hinweise“ der Skandalbehörde:

„Jaber Al-Bakr hatte so ziemlich alles, was er brauchte, um einen Anschlag mit verheerender Wirkung zu begehen. So nah dran an einer Katastrophe war Deutschland in den letzten Jahren wohl noch nicht. Das macht deutlich, wie brisant dieser Fall ist. (…) Al-Bakr war deutlich weiter in seinen Vorbereitungen als alle anderen Terrorverdächtigen, die in diesem Jahr bereits von den Sicherheitsbehörden identifiziert und verhaftet wurden. Dabei sind die Sicherheitsbehörden zurzeit ziemlich gut darin, Terrorverdächtige aufzuspüren. Die Geheimdienste spielen dabei eine zentrale Rolle. Das sollten all diejenigen zur Kenntnis nehmen, die meinen, sie wären auf die Dienste und ihre Erkenntnisse nicht angewiesen. Auch in diesem Fall soll es Hinweise von ausländischen Nachrichtendiensten gegeben haben, die das Bundesamt für Verfassungsschutz auf die Spur Al-Bakrs gebracht haben. Die internationale Zusammenarbeit der Geheimdienste – immer wieder kritisiert – ist beim Kampf gegen den internationalen Terrorismus so schlecht nicht. Und bei uns? Der Verfassungsschutz hat bei der Identifizierung und Lokalisierung Al-Bakrs sehr professionell gearbeitet. Man sollte sich damit zurückhalten, die Bewältigung von Terrorlagen vom grünen Tisch aus vorzunehmen.“

Und wieder dringen lauter Spekulationen aus gut informierten Kreisen an die Öffentlichkeit:

Der Terrorverdächtige Dschaber al-Bakr hat offenbar die drei Syrer aus Leipzig-Paunsdorf beschuldigt, in die Anschlagspläne involviert gewesen zu sein. Das erfuhr MDR SACHSEN aus gut informierten Kreisen. Demnach habe er bei einer polizeilichen Vernehmung erklärt, seine Landsleute „hingen in der Geschichte mit drin“. (MDR 12.10.2016)

„Al-Bakr war Anfang 2015 als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Nach Recherchen des MDR war er zwischenzeitlich wieder nach Syrien zurückgereist. Das habe die Familie des 22-Jährigen mitgeteilt, berichtete der Sender. Al-Bakr war danach im Herbst vergangenen Jahres zwei Mal in die Türkei gereist und hielt sich auch einige Zeit in der syrischen Stadt Idlib auf. Mitbewohner aus dem nordsächsischen Eilenburg hätten ebenfalls von seinem Aufenthalt in Idlib berichtet, so der MDR weiter. Sie hätten Mann aber nicht als besonders religiös beschrieben. Nach seiner Rückkehr soll Al-Bakr sich jedoch verändert haben. Medienspekulationen, wonach sich der junge Mann in Syrien in einem Camp der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ hat ausbilden lassen, sind bislang nicht erhärtet.“ (Deutsche Welle 12.10.2016)

Der Sozialarbeiter Torsten Pötzsch, der mit Albakr und anderen syrischen Refugees in Eilenburg Kontakt hatte in der Tageschau:

„Selbst seine Mitbewohner beschreiben ihn als nicht besonders religiös. Also, ganz im Gegenteil. Sie berichten davon, dass er sich gerade nicht daran beteiligt hat, gerade nicht an Gebeten, den täglichen, teilgenommen hat. Und nicht mit ihnen in die Moschee in Leipzig gegangen ist.Wirklich schwer zu sagen, wie sich so jemand radikalisieren kann.“

2 Kommentare

  1. Heinrich

    Nach Erstürmung hieß es: Keine Bombe und kein Sprengstoff gefunden, nur Spuren…
    Sprecher des LKA sagt es. Kann man auf Facebook sehen bei PolizeiSachsen.

    „13:00 …Zu diesem Zeitpunkt ist nur von Spuren eines Sprengstoffs die Rede.“

    Drei Stunden später wurden daraus 100 Gramm.

    http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/TOP-THEMA/Chronologie-Antiterror-Einsatz-in-Chemnitz-Das-passierte-seit-Freitagabend-artikel9652159.php

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Der Fall Albakr: Ein großartiger Erfolg der deutschen Sicherheitsbehörden? | Machtelite

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