Gauck: „Ja, kein Familiennachzug. Oh, da erschrecke ich.“

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Was Bundespräsident Gauck noch im WDR-Interview sagte:

Wie erhalten wir dieses Land, in der Situation in der es ist? Es ist ein solidarisches Land und es wird ein solidarisches Land bleiben, egal was auch immer die Politik entscheidet. Aber wenn in der Mehrheitsgesellschaft das Gefühl dafür, dass Solidarität unser Lebensatem ist, wenn das schwinden würde und aus Angst und Abwehr sich eine kollektive Identität entwickeln würde, die immer nur schreit ‚Das Boot ist voll‘, dann hätten wir eben auch ein moralisches Problem und nicht nur ein politisches. Und deshalb bin ich dann zu der Überzeugung gelangt, dass es in der Bemühung möglichst vielen helfend zur Seite zu stehen, begründet sein kann, dass man nicht allen hilft. (…) Ich hab’ vor einigen Wochen gesagt, bitte, wir wollen mal aus der Mitte heraus, wir wollen mit den solidarischen Bürgermeistern, mit den freiwilligen Helfern, wollen wir mal das diskutieren, was am rechten Rand Brandstifter und Hetzer diskutieren. Und wir wollen mal unsere Bevölkerung anschauen und diejenigen trennen, die einfach Sorgen haben, – ‚Ja wo geht es denn hin, und können wir das schaffen?‘ -, von denen, die voller Fremdenfeindlichkeit und Ressentiment sind und schon mal vorab ‘nen Molotowcocktail auf ‘ne Flüchtlingsunterkunft schmeißen. So, und aus diesem Grund halt ich es für richtig, dass wir angefangen haben aus der Mitte der Gesellschaft heraus, das Für und Wider und auch das Maß an Aufnahmebereitschaft zu diskutieren. (…) Wo müssen wir helfen oder wo müssen wir tatsächlich Begrenzung dann auch benennen. Ja, kein Familiennachzug. Oh, da erschrecke ich, ja wenn ich mir die Leute vorstelle, die dann jahrelang getrennt sind von ihren Ehefrauen oder Müttern und gleichzeitig will ich aber den Politikern, die sowas sagen nicht gleich Gehässigkeit vorwerfen, sondern sie sind in der Not, der Bevölkerung zu sagen, wir sind handlungsfähig, also bitte, wir tun was, ohne dass wir jetzt schon unsere Grenzen abriegeln, aber wir lassen uns nicht einfach überrollen. (…) Das ist doch immer noch dieses Land, zu dem wir ‚Ja‘ sagen können. (…) Und wir wollen doch nicht so tun, als würden wir aus der Mitte dieser starken, demokratischen Gesellschaft heraus uns ins Bockshorn jagen lassen von einigen Verwirrten, die am rechten Rand zündeln.

Wie erhalten wir das Land in dieser Situation? Was meint Gauck? Steht das Land vor dem Kollaps?

Joachim Gaucks Vorstellung von gelebter Solidarität verdeutlichen die nachfolgenden Zitate:

Wer ausgerechnet der Wirtschaft die Freiheit nehmen will, wird mehr verlieren als gewinnen.(…) Wir müssen uns nicht fürchten, auch in den Problemzonen der Abgehängten Forderungen zu stellen. (…) Es schwächt die Schwachen, wenn wir nichts mehr von ihnen erwarten. (…) Es ist auch gedankenlos und zynisch, so zu tun, als könnten alle die Menschen nichts tun, die im Moment nichts haben. (FR 20.2.2012)

Wir stellen uns nicht gerne die Frage, ob Solidarität und Fürsorglichkeit nicht auch dazu beitragen, uns erschlaffen zu lassen. (Welt-Online 7.6.2010)

Als Gerhard Schröder einst die Frage aufwarf, wie viel Fürsorge sich das Land noch leisten kann, da ist er ein Risiko eingegangen. Solche Versuche mit Mut brauchen wir heute wieder. (Welt 07.06.2010)

Wir würden uns eigentlich nicht helfen, wenn wir Fremdheit und Distanziertheit übersehen würden in der guten Absicht, ein einladendes Land zu sein. Diese gute Absicht ist ja lobenswert, aber wir haben doch ganz andere Traditionen, und die Menschen in Europa, das sehen wir allüberall, nicht nur in Deutschland, sind allergisch, wenn sie das Gefühl haben, dass was auf dem Boden der europäischen Aufklärung und auch auf dem religiösen Boden Europas gewachsen ist, wenn das überfremdet wird, um einen Begriff zu verwenden, der in Deutschland verpönt ist, aber ich verwende ihn hier ganz bewusst, denn ich habe in, sagen wir, älteren Zivilgesellschaften als Deutschland es ist, etwa in den städtischen Milieus von Rotterdam und Amsterdam oder Kopenhagen, wo wirklich die Menschen unverdächtig sind, Rassisten zu sein, dieses tiefe Unbehagen alteingesessener Europäer gegenüber dieser Form von, ja, plötzlicher Koexistenz, aber nicht mit einem System, mit dem wir jederzeit auf einer Wellenlänge kommunizieren, sondern, darum macht sich das am Islam fest, da entsteht eine Debatte mit voraufgeklärten Politikvertretern, das ist weniger politisch, aber es ist vor der Aufklärung, was in Teilen unserer Moscheen hier verbreitet wird, und auch der Ansatz des Islam ist nicht durch eine Reformation gegangen, wie in Europa, und auch nicht durch eine europäische Aufklärung, und deshalb jetzt einen Zustand zu beschreiben, als wäre dieser kulturelle Schritt innerhalb der muslimischen Welt schon vollzogen, das täuscht uns über diese Fremdheit, die nach wie vor existiert, hinweg. (NZZ 2012)

Eines hätte ich jedenfalls vor: Darauf hinzuwirken, dass die Regierung ihre Politik besser erklärt. Beispiel Afghanistan: Warum sagen wir nicht in klaren Worten, was los ist? Dass unsere Soldaten dort im Auftrag der Vereinten Nationen Terrorismus bekämpfen und daneben noch eine Menge Gutes für die Menschen in Afghanistan tun. Oder das Sparpaket: Natürlich muss gespart werden – aber das muss der Bevölkerung vermittelbar sein. (SPON 2012)

Noch ein Zitat von Gauck zur bürgerlichen Mitte aus dem Jahr 2012:

Mittelstandsfamilien, die Angst vor dem Absturz haben, neigen dazu, ein Bedrohungsszenario zu entwickeln, in dem der Fremde, das Fremde, der Andersartige das eigentliche Problem wäre. Und es gibt unter Politikern offenbar die weitverbreitete Angst etwas zu tun, was Wählerstimmen kosten könnte. Das verhindert sehr oft eine offene Debatte.

infratest dimap Umfrage vom 24.9.2015, in Auftrag gegeben vom Bayrischen Rundfunk, präsentiert in der ARD-Sondersendung “Fluchtziel Deutschland”:
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