Dirk Bojer nahm seine Gitarre und verschwand

Um Land zu gewinnen nahm ich die Gitarre in die Hand und verschwand (Dirk Bojer:“Umland“)

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Foto: Dirk Bojer in den Neunziger Jahren

Was wurde eigentlich aus Dirk Bojer? Der Berliner Künstler veröffentlichte seit Beginn der 90er Jahre diverse CD’s auf Kleinstlabeln und im Eigenvertrieb. Vor etwa 8 Jahren wurde es still um ihn und seine Veröffentlichungen brachen ab. Bojers Website ist nicht mehr zu erreichen. Am 28. Januar 2010 schrieb jemand in seinem Wikipedia-Artikel, dass der Liedermacher am 27.1. 2010 verstorben sei. Der anonyme Wikipedia Nutzer benannte als Quelle für diese Information die Familie des 1968 geborenen Sängers. Bojer starb demnach im Alter von 41 Jahren.

Im Netz finden sich weder Nachrufe noch Hinweise auf die Gründe für sein Ableben. Dieser Artikel soll Abhilfe schaffen, weil der Liedermacher es verdient nicht in Vergessenheit zu geraten. Bojer war immer nur einem kleinen Kreis Musikinteressierter bekannt. Ein Loner und Eigenbrödler, ein gelernter Verkäufer und Musikliebhaber, der seine Erfüllung im Songwriting suchte. Die meisten seiner Veröffentlichungen sind vergriffen, so auch die Debut Single „Der innere Schweinehund“. Sein Œuvre ist leider völlig zu Unrecht missverstanden oder schlicht ignoriert worden. Dabei schuf er nicht nur einige zeitlose deutschsprachige Lieder, sondern hinterließ eine authentische Sammlung von extrem privaten Geschichten, die im Kontext seines Todes nachdenklich stimmen und Fragen aufwerfen. Wer war Dirk Bojer?

Ein Wikipedia Nutzer beschrieb die Musik des gebürtigen Schwaben:

Bojer versteht es, in seinen Liedern teilweise einfache Alltagsbeobachtungen, die ihn mehr als andere zum Nachdenken bringen, mal mit selbstironischer Lyrik, mal mit entwaffnend naiven Worten und oft mit traurigem Unterton zu verarbeiten.

Seine Musik ist schnörkellos, minimalistisch, die Melodien mitunter wunderschön und eingängig. Folk Musik, die sich an deutschsprachigen Liedermachern orientiert, wie etwa Manfred Maurenbrecher, dem Bojer 2000 ein Geburtstagslied widmete.

Bojer beherrscht das Picking, den Wechsel von Moll und Dur aber der besondere Reiz liegt darin, wie er seine eindringlichen Erzählungen hierzu singt und spricht. Auf Bojers erstem Album „Schocksongs“ finden sich drei „eingedeutschte“ Titel (z.B. „Zwaa Augen, wenn da san“/“Da sind zwei Augen“) des österreichischen Schriftstellers, Journalisten und Musikers Peter Henisch, die dem 1975 erschienenen Album „Alles In Ordnung“ entstammen. Sie zählen sicher zu seinen stärksten Momenten.

Ausgewählte Pressestimmen, die auf Bojers CD’s zu lesen sind:

Dirk Bojer: Berlins wohl hartgesottenster Poet. (Concert Guide)

Bojers Sache ist das Private, das Heimelige, das Berlinische.(…) Wie schön, daß es noch Liedermacher gibt, die sich solcher Probleme annehmen wie dem des menschlichen Miteinanders.(Zitty)

Er ist nicht nur überzeugter Künstler, sondern ein ebenso strenger Einzelgänger. (Berliner Morgenpost)

Akustikgitarre ja, aber kein sentimentaler Barde in Sozialarbeiterkluft – mit reichlich Humor erzählt Bojer von militanten Radfahrern und genervten Schülern. (Tip)

Bojers Songs sind privat. Wer ihm zuhört gewinnt tiefe Einblicke in das Seelenleben eines Menschen, der, auf der Suche nach Sinn und Liebe, mit sich und der Menschheit hadert, dessen Kompositionen gleichermaßen Tagebucheinträge und Protest Songs sind.

Meist nur auf seiner akkustischen Gitarre begleitet wettert Bojer gegen Radfahrer, Mountain-Biker, Vandalen, Schnorrer, Autos, „bekotzte“ Arbeitnehmer, Tauben, Wespen und egoistische Männer, die sich mit schmutzigen Schuhen auf die Rückenlehnen von Parkbänken setzen obwohl diese doch dringend von ruhebedürftigen Rentnern benötigt werden. In unnachahmlicher Art und Weise hantiert er mit der sperrigen deutschen Sprache, was im Ergebnis mitunter so klingt als würde Helge Schneider versuchen Reinhard Mey zu parodieren:

Wenn ich einen Brief erwarte, der mich freut. Dann dauert das immer seine Zeit. Überweisungsaufträge kommen pünktlich. Nun sag mir mal, das stimmt nicht. Stimmt wohl! („Der Briefkastenschocksong“)

Es fällt schwer sich Bojers Komik zu entziehen. Seine Abrechnungen mit den Unwägbarkeiten des Lebens und dem Egoismus des Menschen trägt er kindisch/trotzig im Duktus der moralischen Verurteilung vor. Ob seine infantil/dadaistisch anmutenden Texte tatsächlich immer ironisch, sarkistisch oder bierernst gemeint sind bleibt der Fantasie des Zuhöres überlassen:

Auf den Straßen trauen sie sich nicht. Weil die Autos viel stärker sind. Warum gefährden sie dann die Kinder und alle Anderen, die auf dem Gehweg gehen. Mit Vollgas rasen sie auf dem Fußgängerweg, im Affenzahn an Häusern vorbei. Es könnt‘ ja jemand aus ’ner Einfahrt kommen, doch das ist ihnen Einerlei. („Lied gegen bestimmte Radfahrer“)

Nun ist seine Ersatzmami tot, nun ist seine Ersatzmami tot, nun ist seine Ersatzmami tot, nun ist seine Ersatzmami tot. Die vierzig Jahre lang den Haushalt schmiss. Die vierzig Jahre lang den Haushalt schmiss. Nun ist seine Ersatzmami tot, nun ist seine Ersatzmami tot, nun ist seine Ersatzmami tot, nun ist seine Ersatzmami tot. Die vierzig Jahre lang sein Leben einplante. Die vierzig Jahre lang sein Leben einplante. („Suizid“)

Der autobiographische Charakter seiner Kompositionen offenbart jedoch auch eine andere Seite des Künstlers. Bojer singt von Alkoholexzessen und Abstinenz, von erfüllter Partnerschaft und Single-Dasein, von Gefühlen, enttäuschter Liebe, Ängsten, Träumen und Zweifeln. Auf den Rückseiten seiner Cover finden sich stets Widmungen für Frauen, die ihm womöglich sehr nahe standen. In seinen Texten schwankt Bojer immer wieder zwischen Liebesglück und Kummer nach gescheiterten Beziehungen.

Bojer war kein einfacher Mensch bestätigte mir eine Person aus seinem musikalischen Umfeld. Der depressive Tonfall mancher seiner Songs transportiert schlicht Zustandsbeschreibungen eines Musikers, der offensichtlich Krisen durchlebte und alle, die seine Musik kauften, daran teilhaben ließ. Auf der 2005 erschienenen CD „Magdeburg“ thematisiert er den Tod des Vaters, Erfahrungen im Niedriglohnsektor und den Verzicht auf Haus, Wohnung, Fernseher, Dispo. Bojer genügt seine Gitarre und neue Saiten! Die fehlende Anerkennung für seine Musik und der Status des erfolglosen, nicht mehr zeitgemäßen Liedermachers, der kein großes Publikum erreicht, sind ein weiterer, immer wiederkehrender Baustein in seinen Texten.

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Volkradstraße 8: Bojers Kontaktadresse auf der CD „10319 Berlin/Solo“

Dirk Bojer trat mit Beginn der Neunziger Jahre überwiegend in kleineren Clubs seiner Heimatstadt Berlin auf. Auch in Hamburg soll er gespielt haben. Im Song „Unterwegs“ auf seiner letzten CD-Veröffentlichung „Autodidakt“ erwähnt er diverse ostdeutsche Städte.  Über genaue Veranstaltungsorte ist nicht viel bekannt, einige Songtexte legen nahe, dass Bojer auch als Straßenmusiker sehr aktiv gewesen sein muss.

Im Oktober 2000 nahm Bojer am „Ersten Tanz- und Musikfest“ der Zeitschrift „Wir selbst“ teil, das im Haus des Collegium Humanum stattfand. Neben ihm traten mehrere nationalistische und rechtsextreme Künstler wie etwa das Duo Eichenlaub aus dem Umfeld des Thüringer Heimatschutzes auf. Eichenlaub hatte 1999 mit dem Lied „5. Februar“ das Abtauchen des NSU besungen. Sänger Erlwig war wie Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt in der Kameradschaft Jena organisiert. Warum Bojer, dessen Texte keinerlei Hinweise auf eine rechte Gesinnung enthalten (im Gegenteil!) dort auftrat, bleibt rätselhaft. Die antifaschistische Zeitschrift DER RECHTE RAND (Heft 67) behauptete kurze Zeit später fälschlicherweise Bojer sei identisch mit dem rechtsradikalen Sänger Liedermacher Marco Bartsch, der unter dem Pseudonym Sleipnir ebenfalls im Collegium Humanum auftrat. Bojer erstattete Strafanzeige wegen Verleumdung.

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Liedglut-Artikel in „Wir selbst“-Ausgabe 2001

Jemand, der ihn gekannt haben muss kommentierte auf der Diskussionsseite von Bojers Wikipedia Artikel:

Oh, ich bin überrascht, wusste nicht, daß Dirk nicht mehr lebt. Ich erinnere mich noch sehr gut, als wir ca. 1990 im Berliner „Go In“ unsere ersten musikalischen Darbietungen hatten. Dirk war ein unerschrockenes Stehaufmännchen, sein Motto war „weitermachen, egal was passiert“. Das habe ich an ihm bewundert. Er war stets sympathisch, hilfsbereit und träumte davon, mal im Vorprogramm von Reinhard Mey spielen zu dürfen. Ich hoffe, du hast das mal hingekriegt! Ganz sicher hatte er im Neonazi Umfeld nichts verloren.

Auf dem Cover des 2006 erschienenen Bojer Albums „13“ prangte ein Sticker mit dem Aufdruck „Das Abschiedswerk !!!“. Die Polizei soll einen Hinweis darauf zum Anlass genommen haben Bojers Wohnung aufzusuchen. Offensichtlich sorgte sich jemand um ihn.  Am 27.1.2007 wollte Bojer in Berlin ein „Abschiedskonzert“ geben. Die Gäste warteten vergeblich auf den Künstler, der nicht erschien weil er zuvor schwer gestürzt war.

Drei Jahre später, am 27.1.2010, nahm sich Dirk Bojer das Leben. Er wurde anonym in Berlin beerdigt.

Den Fernseher hab ich schon seit langer Zeit nicht mehr. Das Radio auch nicht. Liegt hier alles so rum. Staubt vor sich hin. Zeitung habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Allein die Überschriften. Zum Kotzen. Ich ertrage es nicht mehr. Bin zu sensibel für diese Welt. (Dirk Bojer:“Sensibel“)

Einsamkeit. Sitzt du manchmal rum und verstehst nix mehr. Alles geht an dir vorbei. Verlassen und verloren. Denkst du dann an Auswege wie Selbstmord, vollsaufen?  Und nicht mal dazu hast du Lust. Dann können wir uns die Hand reichen. (Dirk Bojer:“Die Hand reichen“)

Nachtrag 5.Januar 2016: Gedanken zu Dirk Bojer von Stephan Krawczyk:

Dirk Bojer war ein stiller Freund, der die Geschäftswelt verachtete. Der Sinn dafür, in einem großen CD-Laden zu arbeiten, bestand für ihn darin, unschlüssigen Kunden Tipps für gute Musik geben zu können. Ein paar Mal habe ich ihn nach Feierabend aus dem Laden abgeholt. Kaum war er draußen, hat er die Geräusche von Bassdrum und Hi Hat imitiert, als wollte er den Schwachsinn aus sich herauspusten. Das war Mitte der Neunziger Jahre. Meine damalige Freundin hat, immer wenn es zu regnen anfing, eines seiner Lieder (Hasenheide) angestimmt: „Komm, wir gehen zusammen in die Hasenheide, / denn es regnet heute / und da sind wir beide, / allein, ganz allein, / allein, ganz allein“. Das muss man natürlich gesungen hören. Wie eingängig Dirk Bojer diese Zeilen vertont hat! Er war ein Sänger aus dem Volk. Die Stimmungen, die er mit seinen Liedern geschaffen hat, bedurften nicht der Virtuosität. In einer Welt voller Dünkel und Technikwahn, erzeugter Einsamkeit und Worthülsen wird einer wie Dirk Bojer belächelt. Kennengelernt haben wir uns im Jahr 1992. Er kam nach meinem Konzert zu mir und fragte, warum es keine CD mit meinen Liedern gebe? Seit Anfang 1989 hatte ich nichts mehr veröffentlicht. Letztlich entstand „Terrormond“ 1993 durch diese Frage.

Diskografie Dirk Bojer

CD’s:

1991 Schocksongs
1993 Ach so!
1994 Spaziergänge
1996 Neue Erinnerungen
1997 Guten Morgen Grauen
2000 Keine Angst
2001 Aus dem Alltag
2002 1992-2002 (Compilation)
2005 Magdeburg
2005 Um Land…
2006 10319 Berlin
2006 13 (Das Abschiedswerk)
2007 Autodidakt

Singles:

1990 Der innere Schweinehund
1992 Hasenheide
1993 Lied gegen bestimmte Fahrradfahrer

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