NSU-Bombenanschlag 2004: Türkischer Offizier Talat T. war am Tatort Keupstraße

Türkischer Offizier am Anschlagsort. Immer neue Fragen zur Nagelbombe in der Kölner Keupstraße:

NSU und kein Ende. Ende Januar starteten die neuen Untersuchungsausschüsse in Düsseldorf und Stuttgart mit ihrer Arbeit. Und am 12. Januar begann im NSU-Prozess vor dem OLG München die Beweisaufnahme zum Nagelbombenanschlag in der Keupstraße in Köln-Mülheim. Dafür hat der Strafsenat mehrere Wochen veranschlagt. Gleichzeitig werden die Rätsel und Fragen um den Mordkomplex mit dem Namen „Nationalsozialistischer Untergrund“ nicht weniger – im Gegenteil. In der Keupstraße hielt sich zum Zeitpunkt des Anschlages zum Beispiel ein pensionierter türkischer Offizier auf. Doch auch beim Prozess in München selber gibt es dazu Merkwürdigkeiten. – Ergänztes Manuskript einer WDR-Radiosendung vom 22.1.2015 von Thomas Moser:

“Und als sie in Köln auf der Keupstraße waren, ging die Bombe hoch. Sie standen gerade hinter dem Auto. Dadurch haben sie Glück gehabt, daß keine weiteren Verletzungen entstanden sind.“

Rechtsanwalt Adnan Menderes Erdal. Er vertritt im Münchner Prozess den türkischen Staatsbürger Talat T. Talat T., heute 66 Jahre alt, stand mit seinem Bruder Muzaffer T., heute 72, in der Keupstraße in Köln, als dort im Juni 2004 die Bombe hochging. Sie waren nur wenige Meter entfernt, aber durch ein Fahrzeug geschützt. Muzaffer T. wurde verletzt, Talat T. nicht. Was die Geschichte besonders macht: Talat T. ist ein früherer Offizier der türkischen Armee. Zu den vielen Fragen, die es auch um diesen Terroranschlag gibt, ist eine weitere hinzugekommen.

9. Juni 2004: Gegen 16 Uhr ereignet sich die Explosion in der belebten Straße. Es ist der Tag vor Fronleichnam. Aus den WDR-Nachrichten um 18 Uhr:

„Bei einer Explosion in einem Kölner Wohnhaus sind am Nachmittag nach ersten Meldungen 16 Menschen verletzt worden. Einer von ihnen schwebt offenbar in Lebensgefahr. Die Polizei geht von einem Anschlag aus, hat aber noch keinerlei Erkenntnisse über den Hintergrund. Feuerwehr und Rettungskräfte sind im Einsatz.“

Ein türkischer Augenzeuge:

„Habe es genau gehört, habe nach draußen geguckt, Leute sind weggerannt, manche waren unten verletzt. Nach 20 Minuten ist die Feuerwehr und alles gekommen und haben geholfen.“

Der Polizeisprecher:

„Hier in der Keupstraße ist ganz offensichtlich auf dem Gehweg oder in einem Ladeninneren im Schaufenster eine Splitterbombe explodiert. Es liegen hier hunderte, tausende von Nägeln herum, die Personen schwer verletzt haben; die Fassaden von Häusern haben abstürzen lassen und die Scheiben haben zerspringen lassen.“

Die Ermittlungsgruppe der Polizei konnte den Anschlag nicht aufklären. Seit November 2011 wird er dem NSU-Terror-Trio Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe zugeschrieben. In deren Wohnung in Zwickau wurde eine DVD gefunden, auf der die Bombe in der Keupstraße breiten Raum einnimmt. Doch Zweifel bleiben. Der NSU-Untersuchungsausschuss des Landtages von Nordrhein-Westfalen hat viele Fragen zum Tatkomplex Keupstraße formuliert. Die nach der Anwesenheit eines türkischen Offiziers fehlt allerdings.

Oberlandesgericht München: Seit Mai 2013 läuft dort der Prozess gegen das überlebende Mitglied der Gruppe, Beate Zschäpe, und vier Mitangeklagte, denen Unterstützung und Beihilfe vorgeworfen wird. Seit Mitte Januar, dem 173. Prozesstag, geht es nun um die Nagelbombe von Köln. Kriminalbeamte beschreiben die komplizierte Machart der Bombe und schildern, wie es nach der Explosion in der Keupstraße aussah. Mehr als 700 Zimmermannsnägel wurden in die Luft gesprengt, steckten in Häusern, Autos und Menschen. Jetzt werden diese Opfer gehört – unter ihnen die Brüder Muzaffer und Talat T. Warum waren sie in der Keupstraße? Opferanwalt Adnan Erdal:

„Muzaffer wollte dem jüngeren Bruder Deutschland zeigen. Sie haben in Berlin angefangen, danach sind sie nach Hamburg, anschließend nach Bremen. Da soll der Bruder meines Mandanten gesagt haben: Komm, ich zeige dir auch Köln. Und als sie in Köln waren, ging die Bombe hoch.“

Alles erklärbar also? Talat T. lebt in der Türkei, sein Bruder Muzaffer in Berlin. Doch er hat Kontakt zu dem Besitzer einer Teestube in der Keupstraße in Köln. Dort saßen die Brüder an jenem Nachmittag. Als sie vor die Tür traten, ging die Bombe hoch. Sie waren nur wenige Meter entfernt. Ihr Auto schützte sie. Muzaffer wurde am Arm verletzt und im Krankenhaus behandelt. Die Polizei fand heraus, daß Talat T. ein türkischer Offizier ist – und reagierte alarmiert.

„Nachdem die Polizei erfahren hat, daß mein Mandant Oberstleutnant der türkischen Armee ist, dann sollte er vier Tage lang Deutschland nicht verlassen. Sie mussten wieder nach Berlin, wo sein älterer Bruder wohnt. In Berlin soll er mit seinem Bruder von vier Polizeibeamten vernommen worden sein.“

Ein Militär am Ort eines Bombenanschlages? Obendrein aus einem Land, das zur Nato gehört. Talat T. durfte zunächst nicht nach Istanbul zurückfliegen. Hielten die Ermittler einen Zusammenhang mit dem Militär für möglich wegen der Art und Schwere des Bombenanschlages?

„Er hatte den Eindruck, daß man ihn verdächtigt. Deshalb sollte er ja vier Tage lang Deutschland nicht verlassen. Und dann soll mein Mandant den Polizeibeamten gesagt haben: Meinen Sie, ich habe die Bombe versteckt und dann anschließend entzündet und mich selbst in Gefahr gebracht?“

Könnte der Anschlag – umgekehrt – einem Vertreter des Militärs gegolten haben? Oder war die Anwesenheit eines Offiziers am Tatort wieder nur Zufall – einer dieser „Tausend Zufälle“ des undurchsichtigen NSU-Mordkomplexes? Möglich. Allerdings reimt sich nicht alles in der Geschichte. Talat T. wurde nun ein weiteres Mal ausführlich befragt. In der türkischen Tageszeitung Hürriyet vom August 2013 wird der pensionierte Offizier folgendermaßen zitiert: Er sei in Berlin in der Wohnung seines Bruders von „Sonderpolizisten“, einer Spezialeinheit, die auch den Tatort besuchte, mehrere Stunden vernommen worden. Aber: Die Akten seien anschließend vernichtet worden. In den Ermittlungsunterlagen finden sich ganze eineinhalb Seiten einer Vernehmung mit ihm, erstellt vom Landeskriminalamt Berlin einen Tag nach dem Attentat. Spektakuläres kann man darin nicht lesen. „Spezialeinheit“? „Vernichtete Akten“? Gab es vielleicht mehrere Vernehmungen? Rechtsanwalt Adnan Erdal kann sich das alles nicht erklären:

„Er wurde in Köln vernommen, das war ganz kurz. Und danach soll er in Berlin vernommen worden sein, und darum geht es. Und da sollen vier Beamte ihn vernommen haben. Diese Vernehmung kenn ich aber nicht.“

Der NSU-Komplex – ein wachsendes Rätsel, auch am Tatort Köln Keupstraße. Da ist das Phantombild eines der Täter, das aber weder Uwe Böhnhardt noch Uwe Mundlos ähnlich sieht. – Das sind zwei Polizeibeamte, die Minuten nach der Tat vor Ort sind und neun Jahre lang nicht nach ihren Wahrnehmungen befragt werden, sondern erst, als der Untersuchungsausschuss in Berlin sich für sie interessiert. – Da sind zwei bewaffnete Männer, allem Anschein nach Beamte, die ein Anwohner unmittelbar nach der Explosion auf der Straße sieht und die bis heute nicht ausfindig gemacht wurden – und nun ein türkischer Offizier.

Muzaffer und Talat T. waren jetzt in München als Zeugen geladen. Muzaffer T. sollte am 21. Januar gehört werden. Er reiste auch nach München an, bekam aber dort Kreislaufprobleme und konnte nicht auf dem Zeugenstuhl Platz nehmen. Nach Auskunft seines Anwaltes ist er in ärztlicher Behandlung und zur Zeit nicht vernehmungsfähig. Talat T. sagte, wie geplant, am 22. Januar vor dem OLG aus. Er habe damals sofort erkannt, daß es sich um eine Bombe handelte. Insgesamt sei er dreimal vernommen worden, zweimal in Köln, einmal in Berlin von zwei LKA-Beamten. Die fragliche Vernehmung durch vier „Sonderpolizisten“, deren Protokoll hinterher vernichtet worden sein soll, kam jetzt vor dem OLG aber nicht zur Sprache. Ebenso wenig, wie das mehrtägige Ausreiseverbot für den Oberstleutnant. Wer oder was diese „Sonderpolizisten“ gewesen sein könnten, bleibt im Unklaren. Richter Manfred Götzl kennt den Sachverhalt nicht, weil er nicht in den Akten steht. Er konnte somit nicht danach fragen. Aber auch Rechtsanwalt Erdal stellte keine Fragen in diese Richtung. Offensichtlich war ihm nicht daran gelegen, an diesen Ungereimtheiten zu rühren. Nach eigener Aussage hatte er seinen Mandanten vor dessen Zeugenauftritt so vorbereitet, wie es dem kurzen Protokoll des LKA Berlin entsprach. Mit Talat T. selber zu sprechen, war nicht möglich. Er verließ das Justizzentrum nicht durch den Haupteingang.

Die Mängel und Merkwürdigkeiten der damaligen Ermittlungen finden heute im Gerichtssaal ihre Fortsetzung. Denn mehrere Betroffene aus der Keupstraße stehen gar nicht auf der Zeugenliste. Jener Anwohner zum Beispiel, der zwei bewaffnete Männer auf der Straße sah. Oder der Besitzer einer kleinen Druckerei direkt neben der Explosionsstelle. Er berichtet, daß er damals im kölner Polizeipräsidium zwar befragt worden war, es davon aber kein Protokoll gibt.

„Warum diese Zeugen nicht vorgeladen worden sind, erschließt sich mir nicht.“

Sagt Rechtsanwalt Yavuz Narin, der die Familie eines NSU-Opfers vertritt und selber in Köln Nachforschungen angestellt hat. Der Prozeß in München – ein Abbild der mangelhaften Ermittlungen?

„Die Ermittlungen waren in der Tat äußerst mangelhaft. Und insoweit muss ich Ihnen Recht geben, daß sich Vieles hiervon auch im Prozess widerspiegeln dürfte. Allerdings werden wir versuchen, als Vertreter der Nebenklage eben diese Versäumnisse im Prozess wieder gutzumachen.“

Auch Adnan Erdal kritisiert die Ermittlungen nach dem Anschlag grundsätzlich. Ein fremdenfeindliches, rechtsradikales Motiv schlossen Politik und Polizei damals aus. Verantwortlich vor allem der damalige Bundesinnenminister Otto Schily, der sich dafür inzwischen entschuldigte. Der Opferanwalt aber erhebt Vorwürfe:

„Der damalige Innenminister war jahrelang als Strafverteidiger bekannt, also ein erfahrener Strafjurist. Er hätte wissen müssen, daß jeder Bombenanschlag ein Terroranschlag ist. Gleichwohl hat er nach drei, vier Stunden mitgeteilt, daß es keine Hinweise auf einen Terroranschlag gab. Dadurch wurden die Ermittlungen in die falsche Richtung geführt.“

Thomas Moser (Januar 2015)

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