Die Tränen der Hillary Clinton

Der deutsche Online-Journalismus gebiert mitunter Artikel, deren Konsistenz dem Gehalt und der Funktion von Instant Suppen gleicht: schnell gemacht, wenig Inhalt, aufgepeppt durch Zusatzstoffe, die die Schwäche des Produkts übertünchen sollen. Letzte Woche äußerte sich die scheidende US-Außenministerin Hillary Clinton im Kongress zu dem Angriff auf das Konsulat in Bengasi bei dem am 11.9.2012 vier Amerikaner ums Leben kamen.Tageschau.de untertitelte ein Photo der Außenministerin folgendermaßen:

Auf Vertuschungsvorwürfe reagierte Clinton mit Wut, bei der Erinnerung an die Opfer kamen ihr Tränen.

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Diese Bildunterschrift wurde mittlerweile entfernt, im Text liest sich jedoch nach wie vor:

Tränen für die Opfer: Clinton kämpfte mit den Tränen, als sie schilderte, wie sehr sie die Tötung des amerikanischen Botschafters Stevens und weiterer drei US-Bürger persönlich getroffen habe.

Vermutlich hatte sich der verantwortliche Redakteur an dieser Reuters-Meldung orientiert:

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Darüberhinaus ist dem ARD Text folgendes zu entnehmen:

An dieser Stelle wurde die ansonsten souverän und ruhig antwortende Außenministerin wütend: “ Ob es ein Protest oder ein gezielter Anschlag war – welchen Unterschied machte es zu diesem Zeitpunkt? „

Im Original klingt das folgendermaßen:

The fact is we had four dead Americans. Was it because of a protest? Or was it because of guys out for a walk one night who decided they’d go kill some Americans? What difference, at this point, does it make ?

Die Menschen sind tot. Wie es dazu kommen konnte und die Frage ob dies hätte verhindert werden können wird von Clinton umschifft.

Der US- Journalist Kurt Eichenwald schrieb 2015:

One important point has been universally acknowledged by the nine previous reports about Benghazi: The attack was almost certainly preventable. Clinton was in charge of the State Department, and it failed to protect U.S. personnel at an American consulate in Libya.

Stattdessen Emotionen.

Die Welt titelte:

Clinton den Tränen nah bei Bengasi-Aussage.

Im Text wurde dies relativiert:

Während ihrer Aussage schien Clinton kurzzeitig den Tränen nahe, als sie über ihre Begegnungen mit Hinterbliebenen sprach.

Clinton erwähnte eine Begegnung mit den Hinterbliebenen:

I stood next to President Obama as the Marines carried those flag-draped caskets off the plane at Andrews. I put my arms around the mothers and fathers, sisters and brothers, sons and daughters and the wifes left alone to raise their children. (Video)

Auch Zeit Online bestätigte die Emotionalität der Außenministerin:

Unter Tränen die Verantwortung übernommen. (…) Ein anderes Mal hatte Clinton Mühe, ihre Tränen zu unterdrücken. Sie war gut mit dem ermordeten Botschafter befreundet. Selbstverständlich übernehme sie die Verantwortung für diese Tragödie, schluckte Clinton schwer. Nichts habe sie persönlich mehr getroffen, als die Särge der Toten in Empfang zu nehmen.

Schwer zu schlucken, diese inhaltlich falsche Stilblüte oder kann irgendwer den Halbsatz „nichts hat mich mehr getroffen, als die Särge der Toten in Empfang zu nehmen“ im Originaltext von Clinton erkennen? Clinton hat die volle Verantwortung übernommen?  Wofür eigentlich? Wofür trägt sie nun die Verantwortung und in welcher Form übernimmt sie diese Verantwortung? Für die Hinterbliebenen der Opfer?

Zurück zu den Tränen, die im Übrigen nicht geflossen sind, wie die Videoaufnahmen zweifelsfrei belegen. Die Bildzeitung des Bildungsbürgertums geht in die Vollen:

Dann wird es emotional. Clintons Stimme bricht weg, sie unterdrückt die Tränen, als sie vom ermordeten Botschafter Christopher Stevens erzählt, den sie immerzu freundschaftlich nur „Chris“ nennt. „Ich habe neben Präsident Obama gestanden, als die Särge aus dem Flugzeug gezogen wurden; ich habe Mütter und Väter, Schwestern und Brüder, Söhne und Töchter umarmt.“ Man hat Hillary Clinton in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren selten so erschüttert gesehen. (…) Doch es dauert nur Augenblicke, da schaltet sie von Trauer auf Verteidigung um: Nein, sie habe nichts von den Sicherheitsmängeln in Libyen gewusst, ihr seien die entsprechenden Berichte nicht zugeleitet worden. Clinton, das ist offensichtlich, ist keine Ministerin auf Abschiedstour, die Frau hat noch etwas vor.

Zitate („as the Marines carried those flag-draped caskets off the plane at Andrews“) sollten in akkuraten, wortgetreuen Übersetzungen exakt sein, es handelt sich schließlich um die Weltsprache Englisch und nicht um Finnisch. Clintons Stimme brach nicht weg, die Frequenz veränderte sich lediglich während sie den Text ablas. Ob Clinton Tränen unterdrückte ist reine Spekulation. Ob sie innerhalb von Augenblicken von Trauer auf Verteidigung umschalten kann, weil sie noch etwas vor hat (Präsidentschaftsamt USA) ist eine Theorie, mehr nicht. Ich möchte Frau Clinton keine emotionale Kälte unterstellen. Vielleicht fühlte sie in diesem Moment tatsächlich Mitleid mit den Opfern des Anschlages. Gleichzeitig frage ich mich, wie ein Politprofi die zahllosen Opfer des sogenannten „Global War on Terrorism“ überhaupt emotional verarbeiten kann. Damit meine ich nicht nur die gefallenen, suizidierten US-Soldaten, sondern auch die vielen zivilen Toten in muslimischen Ländern, die den geostrategischen Interessen der USA und ihrer Verbündeten zum Opfer fielen. Gab es je Worte des Bedauerns oder Tränen in Anbetracht der Tatsache, dass US-Soldaten Kugeln aus den Körpern getöteter, schwangerer Afghaninnen entfernten, um einen nächtlichen Überfall zu vertuschen?

Das zentrale Problem all dieser Artikel ist neben der überzogenen Emotionaliserung, die Tatsache, dass Fakten schlicht von der deutschen Presselandschaft ignoriert werden. Der in Benghazi angegriffenen Botschaft war ein Gebäude angegliedert, dass CIA-Mitarbeiter und sog. „private contractors“ beherbergte, die laut offizieller Leseart mit der Überwachung bewaffneter Milizen beauftragt war:

Among the more than two dozen American personnel evacuated from the city after the assault on the American mission and a nearby annex were about a dozen C.I.A. operatives and contractors, who played a crucial role in conducting surveillance and collecting information on an array of armed militant groups in and around the city.(…) Spokesmen for the C.I.A., the State Department and the White House declined to comment on the matter on Sunday. Within months of the start of Libyan revolution in February 2011, the C.I.A. began building a meaningful but covert presence in Benghazi, a locus of the rebel efforts to oust the government of Colonel Qaddafi.Though the agency has been cooperating with the new post-Qaddafi Libyan intelligence service, the size of the C.I.A.’s presence in Benghazi apparently surprised some Libyan leaders. New York Times

Over the past six weeks, the Benghazi compound has been primarily described as a consulate or diplomatic mission, even though it’s now being reported that just seven of the more than 30 people evacuated from the city were working for the State Department. As The Wall Street Journal wrote Thursday night, „the U.S. effort in Benghazi was at its heart a CIA operation.“ And now it’s clear the former SEALs killed that night were not part of a security detail for U.S. Ambassador Christopher Stevens, who also died in the attack, but were working for the CIA — a fact that, if presented earlier, might have helped reframe the murky narrative from an attack on a diplomatic mission to an attack on a location primarily used for intelligence gathering. Huffington Post

Benghazi – as well as the middle of the desert backwater Darnah – fueled the NATO rebel war in Libya with countless Salafi-jihadis, including those directly linked to al-Qaeda via the „former“ Libya Islamic Fighting Group (LIFG).There is no question that ambassador Chris Stevens was in close contact with this powerful „rebel“ strand – including Islamist superstar Abdelhakim Belhadj. After Colonel Gaddafi was captured, sodomized and killed by the „rebels“ – with ample previous support of American missiles and Qatari Special Forces on the ground – Libyan Islamists, with Belhaj on the forefront, started to smuggle fully weaponized Salafi-jihadis for the Syrian rebels fighting the Assad government. Asia Times

Abdel Hakim Belhadj is a rising star in the Libyan leadership and standing for election, but his past ties to jihadi groups have sparked controversy – along with his claims of being tortured at the behest of US and British intelligence agencies under the programme known as rendition. BBC

His name is Abdelhakim Belhaj. Some in the Middle East might have, but few in the West and across the world would have heard of him. Time to catch up. Because the story of how an al-Qaeda asset turned out to be the top Libyan military commander in still war-torn Tripoli is bound to shatter – once again – that wilderness of mirrors that is the „war on terror“, as well as deeply compromising the carefully constructed propaganda of the North Atlantic Treaty Organization’s (NATO’s) „humanitarian“ intervention in Libya. Muammar Gaddafi’s fortress of Bab-al-Aziziyah was essentially invaded and conquered last week by Belhaj’s men – who were at the forefront of a militia of Berbers from the mountains southwest of Tripoli. The militia is the so-called Tripoli Brigade, trained in secret for two months by US Special Forces. This turned out to be the rebels‘ most effective militia in six months of tribal/civil war. Already last Tuesday, Belhaj was gloating on how the battle was won, with Gaddafi forces escaping „like rats“ (note that’s the same metaphor used by Gaddafi himself to designate the rebels). Abdelhakim Belhaj, aka Abu Abdallah al-Sadek, is a Libyan jihadi. Born in May 1966, he honed his skills with the mujahideen in the 1980s anti-Soviet jihad in Afghanistan. Asia Times

Blowback in Mali:

Nach Erkenntnissen des US-Sicherheitsberatungsunternehmens Stratfor sind es jedoch nicht nur Waffen aus Libyen, die den Konflikt in Mali anheizen, sondern auch zwischen 2000 und 4000 Tuareg, die einst für Geld in Gaddafis Armee dienten. Unter Mohamed Ag Najem, einem ehemaligen Oberst der libyschen Armee, kehrten sie 2011 nach Mali zurück, wo sie die Nationale Bewegung zur Befreiung von Azawad (MNLA) gründeten, die eine Zeit lang an der Seite der islamistischen Extremisten von Ansar Dine kämpften, bevor es zu Rivalitäten zwischen den beiden Gruppen kam. Süddeutsche

Clinton befütwortete nicht nur den Irak Krieg, sondern war auch die treibende Kraft hinter der Libyen Intervention:

Hillary has been much attacked for the deaths of US diplomats in Benghazi, but her tireless promotion of the overthrow Muammar Qaddafi by NATO bombing is the far graver disaster. Hillary strongly promoted NATO-led regime change in Libya, not only in violation of international law but counter to the most basic good judgment. After the NATO bombing, Libya descended into civil war while the paramilitaries and unsecured arms stashes in Libya quickly spread west across the African Sahel and east to Syria. The Libyan disaster has spawned war in Mali, fed weapons to Boko Haram in Nigeria, and fueled ISIS in Syria and Iraq. In the meantime, Hillary found it hilarious to declare of Qaddafi: “We came, we saw, he died.” Huffington Post

Prof. Günter Meyer, Universität Mainz, Zentrum für Forschung zur Arabischen Welt:

Das Grundmuster der Außenpolitik von Hillary Clinton ist immer gewesen, die Regime, die nicht im Interesse der USA agierten, zu stürzen, auszuwechseln. Das war der Fall im Irak, die Invasion dort. Das war der Fall in Libyen. Das Ergebnis in allen Fällen ist gescheiterter Staat, Chaos, humanitäre Katastrophe. ARD/Monitor

Blowback in Algerien:

Für Jeremy Keenan von der School of Oriental Studies der Universität London ist Algerien der denkbar ungeeignetste Partner. Bereits in seinem letzten Buch über Amerikas Krieg gegen Terror in Afrika aus dem Jahr 2007 erklärte er die algerische Regierung und die USA zu Mitverantwortlichen für die Entführungen von Europäern in der Sahara. Heute verfügt Jeremy Keenan, der auch als Vermittler bei AQIM-Geiselnahmen fungierte, über neue Informationen und ist mehr denn je davon überzeugt, dass die Terroristen mit dem algerischen Geheimdienst, dem Département du Renseignement et de la Sécurité (DRS) zusammenarbeiten.“ Heise.de

“ Much publicity has recently been given by Western intelligence services and the media to the assumed link between trans-Saharan trafficking of cocaine, flown into Sahel states, especially Mali, from South America, and AQIS. While a complex network does exist between the drugs traffickers and AQIS, Western intelligence services have failed to point out in their briefings, reports and ‚leaks‘ to the media that the leaders of both AQIS and the drug trafficking operations are either agents of or closely linked to the highest levels of state security in the countries concerned, namely Algeria’s DRS and Mali’s state security. American, British and other Western intelligence services are all aware of the way in which the DRS has effectively constructed the AQIM/AQIS in the Sahara-Sahel, but have failed to take action against it. This is because AQIS, far from being a threat to the West, is more of an adjunct to the West’s overall strategies in the region. It provides the US with further justification for AFRICOM while providing European powers, notably France whose nuclear industry is powered by the Sahel’s uranium, with the justification to intervene militarily in the resource-rich corridor of the Sahel. And, of course, the ‚threat‘ of al-Qaeda so close to Europe, provides European countries, such as the UK, Spain, Germany, Italy and the Netherlands, with justification for their immigration, security and ‚counter-terrorism‘ policies.“ Al Jazeera

Hier schließt sich der Kreis mit einigen Aussagen, die die zukünftige US-Präsidentin Hillary Clinton bei ihrer Bengazi-Anhörung machte und die leider im emotionalen Geschwurbel um ihre vermeintlichen Tränen übersehen wurden :

“ And instability in Mali has created an expanding safe haven for terrorists who look to extend their influence and plot further attacks of the kind we saw just last week in Algeria.(…) Concerns about terrorism and instability in North Africa are not new. Indeed they have been a top priority for our entire national security team. But after Benghazi, we accelerated a diplomatic campaign to increase pressure on al Qaeda in the Islamic Maghreb and other terrorist groups across the region.(…) In all these diplomatic engagements, and in near-constant contacts at every level, we have focused on targeting al Qaeda’s syndicate of terror – closing safe havens, cutting off finances, countering extremist ideology, and slowing the flow of new recruits. We continue to hunt the terrorists responsible for the attacks in Benghazi and are determined to bring them to justice. And we’re also using all our diplomatic and economic tools to support the emerging democracies of the region, including Libya, to strengthen security forces and provide a path away from extremism. The United States must continue to lead… in the Middle East and all around the globe. We have come a long way in the past four years. We cannot afford to retreat now. When America is absent, especially from unstable environments, there are consequences. Extremism takes root, our interests suffer, and our security at home is threatened.“ ABC

Die Finanzströme des sicheren Terrorismushafens Saudi-Arabien hat Frau Clinton leider in ihrer Ansprache vergessen:

Brookings‘ Bruce Riedel urges intensified US support for Saudi despots: Riedel also argues that „the CIA war against al-Qaida is heavily dependent on the Kingdom“ – that gets closer to the truth, but it just shows how this endless „war“ is the author of most of America’s bad acts in the region, and it’s ironic indeed that the only government with valid links to the 9/11 perpetrators has become the closest US ally in the „war on terror“, while governments with no such links – starting with Iran – have become perpetual US enemies. Guardian

Ein Kommentar

  1. Der Terror wurde als Instrument durch die verdeckte Operationen innerhalb des Gladio-Systems entwickelt. Es handelt sich um staatlich konstruierte und geforderte Gefahr als Mittel zur Erreichung der fraglosen politischen Ziele. Die Netzwerke unter besonderen Maßnahmen des Eindringens der Teilen der Geheimdienste für verdeckte Operationen haben sich mittlerweile verselbständigt und in der komplexen Wechselwirkungen seit vielen Jahrzehnten entwickeln die neue Formen der Terrorgefahren, die unabhängig von jeder Kontrolle solche Vorfällen wie in Benghazi hervorrufen müssen.

    Arabischer Frühling ist gänzlich gescheitert, die Ziele verpasst, die Lage ist vielfach schlimmer las vorher, die Chancen einer demokratischen Wende aufgrund humanistischen Prinzipien eines aufgeklärten Islams werden immer geringer.

    Wer die Operation „Arabischer Frühling“ maßgeblich geprägt hatte, weiß man nicht ganz genau. Es war eine Überraschung für die Europäer, aber die Rolle und Absichten der damaligen Staatssekretärin zeigen deutlich dass man auf die Gewalt und Destabilisierung unterschiedlicher Länder als Mittel der Außenpolitik und damit zahlreiche Netzwerke bis zu Terrornetzwerken weiterhin hält.

    Zahlreiche Beispiele der Vergangenheit bestätigen diese neue Art der außenpolitischen Methoden und so lange sie nicht offen thematisiert werden, stellen sie tatsächliche erste Terrorgefahr für die Zukunft.

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