ISAF: Pressemitteilungen liefern ungenaues, fehlerhaftes Bild vom Krieg

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In einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Studie der unabhängigen Forschungsgruppe Afghanistan Analysts Network wurden 3.771 Pressemitteilungen der ISAF im Zeitraum vom 1. Dezember 2009 bis zum 30. September 2011 untersucht. Die Verfasser dieser Studie hinterfragen die Darstellung der Erfolge der NATO-Strategie in Afghanistan anhand der offiziellen ISAF-Mitteilungen.

Zeit Online:

“ Dem Bericht namens A Knock on the Door zufolge wurde die nächtliche gezielte Gefangennahme oder Tötung von hochrangigen Taliban-Mitglieder in Pressemitteilungen der Internationalen Schutztruppe Isaf als eine der effektivsten Methoden der militärischen Einheiten in Afghanistan präsentiert. Obwohl die Angriffe als besonders präzise Strategie auf die Befehlshaber der Taliban abzielen, starben bei jedem getöteten Anführer durchschnittlich acht andere Menschen. Insgesamt stellen die getöteten Anführer und Unterstützer nur fünf Prozent der Getöteten dar.(…)So sei in Informationen für US-amerikanische Medien die Zahl der gefangenen oder getöteten Taliban-Führer in einem längeren Zeitraum manchmal sehr viel höher gewesen als sich aus den täglichen Pressemitteilungen schließen ließ. Auch bei den verwendeten Begriffen in den Mitteilungen kam es zu Ungenauigkeiten. So sollen die Wörter Anführer und Unterstützer manchmal synonym verwendet worden seien. Die Definition von einem Anführer „war so weit gefasst, dass sie sinnlos wurde“, sagte Strick van Linschoten dem Guardian. Dies sei irreführend. „Dann wird angenommen, dass wir die Köpfe hinter den Taliban aus dem Gefecht ziehen, aber diese Behauptung wird der Realität nicht gerecht.“

The Guardian:

“ Under General David Petraeus, a major plank of Nato’s International Security Assistance Force (ISAF) strategy has been „kill/capture raids“ – lightning strikes on senior Taliban personnel to either take prisoner or kill. (…) But have they worked? Isaf supplies no consistent data on the policy, other than issuing a string of press releases claiming success after success, releases which often describe several raids in different places simultaneously. Researchers Alex Strick van Linschoten and Felix Kuehn wanted to find out exactly how the missions worked.(…) What he found is a very different picture to that described by Isaf press releases. „There are still relatively large numbers of Afghans subject to the capture-or-kill raids,“ he says.

In einer Pressemitteilung nahm die NATO gestern Stellung zu der Analyse des Afghanistan Analysts Network:

“ ISAF takes serious issue with the misrepresentation of coalition operational information outlined in the “A Knock On the Door” report published by the Afghan Analysts Network (AAN). In general, the methodology of comparing data found in ISAF press releases and correlating that to battlefield effectiveness badly misrepresents the reality of ISAF operations and will confuse serious researchers or those engaged in balanced reporting on this subject. A careful read of the research methodology can easily lead to a number of faulty conclusions.(…) A flaw in the “analysis of press releases” is the lack of data in this report. When associated with the broad spectrum of combat operations and particularly special operations activities, it does not automatically result in a press release. Public disclosure, even after the fact, may result in compromise of sensitive information. Release of information in insurgent warfare is not always made public, so studies based on the use of press releases can be both incomplete and problematic.(…) The published ISAF press releases used in preparing the AAN report were never intended to be an authoritative database of all ISAF operations conducted in Afghanistan, nor even a representative sample from which to draw scholarly conclusions. Any analysis of complex combat operations based on press releases alone, which by definition are written to provide basic, factual information, inevitably will produce an overly simplistic, flawed and inaccurate product.“

Ich übersetzte mal ein wenig: die Methode der Forscher vom AAN, anhand der ISAF-Pressemitteilungen die Realität der NATO-Operationen nachzuzeichnen, führt zu einer völlig falschen Darstellung. Das breite Spektrum der Kampf- und Spezialeinsätze wird nicht automatisch in ISAF-Pressemitteilungen berücksichtigt, zumal im Falle der Gefährdung sensibler Informationen. Die veröffentlichten ISAF Pressemitteilungen dienen weder als verbindliche Datenbank aller ISAF Operationen in Afghanistan, noch als repräsentative  Auswahl, die wissenschaftliche Schlüsse zulässt. Jede  Analyse komplexer Kampfoperationen, die ausschließlich auf Pressemitteilungen beruht, welche per Definition grundlegende, sachliche Informationen bereitstellen, wird zwangsläufig ein allzu einfaches, fehlerhaftes und ungenaues Ergebnis produzieren.

Mit anderen Worten: ISAF-Pressemitteilungen sind überflüssig. Ein schlüssiges Bild des komplexen Stabilisierungseinsatzes ist nur unter Einbeziehung eingebetteter Journalisten und/oder der Berücksichtigung  geleakter Informationen von kriminellen Whistleblowern möglich.

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