Marcy Borders: Die Dust Lady bei Günther Jauch

Noch ein Nachtrag zur gestrigen Jauch Sendung zum Thema 9/11.

Die Süddeutsche kommentierte:

„Warum auch immer: Als Jauch seinen extra aus den USA eingeflogenen Gast befragte, die aus den Medien bekannte „Dust Lady“, die für ihn zum ersten Mal seit dem 11. September 2001 in ein Flugzeug gestiegen war, da wirkte er nicht sonderlich motiviert für seine neue Aufgabe. Weder waren die Fragen überzeugend, noch wurde nachgehakt, stattdessen ihr Auftritt schnell durchgehechelt und während der Antworten angestrengt auf die Moderationskarten geschielt.“


Ich hatte die öffentlich-rechtliche Schmierenkomödie lediglich als Berieselung nebenher laufen lassen und wurde trotzdem an einer Stelle stutzig, weil die Synchronsprecherin offensichtlich nicht einmal das einfache Wort „no“ korrekt übersetzen kann. Im Gespräch mit der „weltberühmten Staubfrau“, von der am 11. September  nach dem Einsturz des Südturms zufällig eines der „ikonischsten Bilder des Terror-Tages“ fotografiert worden war, tauchten zwei merkwürdige Übersetzungsfehler auf.

Hintergrund: Marcy Borders befand sich zum Zeitpunkt (8:46:30)  des Einschlags (zwischen dem 93. und 98. Stock) des ersten Flugzeugs  im 81.Stock des WTC 1 (Nordturm). Sie ignorierte die Anweisungen ihres Supervisors auf die Feuerwehr zu warten und floh über das Treppenhaus. Kurz nachdem sie unten ankam ( 3 Minuten später) stürzte das WTC2 (Südturm) um 9:59:05 ein. Der Südturm war zuvor um 9:03:02 vom zweiten Flugzeug getroffen worden.

Zurück zum Interview:
Frage Jauch:

„War Ihnen klar, oder haben Sie zumindest befürchtet, dass der Turm zusammenbrechen würde oder war Ihnen..hatten Sie diese Angst damals nicht ?“

Antwort Simultanübersetzerin:

“ Mmh, jaa..am Anfang war es so..da hat praktisch mein Chef gesagt, vielleicht ist ein kleines Flugzeug in den Turm geflogen. Keiner wusste was passiert war.“

Anwort O-Ton Marcy Borders:

“ No..uhm, at first my supervisor was saying …“

( der Rest ist schwer verständlich, „small jet plane“ ist evtl. noch zu rauszuhören, der Originalton wurde leider sehr in den Hintergrund gemischt.)

Ok, wir wissen nicht wie die Sprecherin Jauchs holprige Frage übersetzt hatte, aber wenn in einer ansonsten recht flotten und präzisen Simultanübersetzung zu Beginn eines Satzes ohne Not „no“ mit „ja“ übersetzt wird horcht man schon mal auf. Hört die Frau vielleicht schlecht ? Diesen Schluss lässt zumindest eine weitere Passage des recht kurzen Interviews zu:
Frage Jauch:

„Wie lange braucht man um über das Treppenhaus 81 Stockwerke bis nach unten zu laufen ? „

Antwort Simultanübersetzerin:

“ Das hat ungefähr eine Stunde und 14 ( oder 40, die Zahl ist schwer zu verstehen) Minuten gedauert damals.“

Antwort O-Ton Marcy Borders:

“ It took me about an hour and 20 minutes.“

Hmm, 20 minutes klingt m. E. nicht wie 14 oder 40 minutes. Ich geh davon aus, dass Simultansprecher über beste Technik, gute Kopfhörer und zusätzlich Bilder verfügen. Nochmal: Hört und sieht die Sprecherin schlecht ? Eine Schlamperei ohne Bedeutung ?

Nicht ganz, wenn man sich die Timeline des 11.September 2001 ansieht. Zwischen dem Einschlag des ersten Flugzeugs im Nordturm und dem  Einsturz des Südturms lagen genau 1 Stunde 12 Minuten und 34 Sekunden, d.h. in dieser Zeit hätte Frau Borders vom 81. Stock ins Erdgeschoss gelangen müssen um anschließend vom Einsturz des Südturms überrascht zu werden. Laut ABC und Yahoo News stürzte der Südturm ein, etwa 3 Minuten nachdem Frau Borders den Nordturm verlassen hatte.  Nun hat sie aber bei Jauch behauptet, sie sei ungefähr 1 Stunde 20 Minuten unterwegs gewesen. Dass wären 7  Minuten und 26 Sekunden zu lang, inklusive der 3 Minuten sogar eine Diskrepanz von etwa 1o Minuten.

Ich möchte der armen Frau Borders nichts unterstellen, sie hatte sicher andere Sorgen an diesem Tag als die Zeit ihrer Flucht zu stoppen. Es bleibt trotzdem ein unangenehmer Beigeschmack, wenn eine Simultanübersetzerin aus klar artikulierten 20 Minuten, 14 Minuten (was plausibler für die Timeline wäre), bzw. 40 Minuten (was gar nicht mehr mit der Timeline übereinstimmen würde) macht.

Elke Heidenreich war auch bei Günther Jauch:

„Es passiert ja nicht umsonst, dass diese Türme in die Luft gesprengt werden.“

Was Frau Borders nicht bei Jauch erzählte:

„Marcy staggered onto the street, where worse was to follow.’I heard a massive explosion and it was like a big bomb had gone off. I had no idea the tower had fallen,‘ she said.Tremendous grey-white clouds of dust and gypsum gushed through the streets, and Marcy was coated in ash.“ (Daily Mail)

„I ran, jumped, fell and was pushed all the way to the lobby. When I got there the floor was covered in rocks and water. I got outside and I heard this massive explosion. I didn’t know it was the towers falling, I thought we were being bombed.“(The Sun)

„MARCY BORDERS: It was like 8:40. And it was just the beginning of the day like right before my computer was turned on. You knew that something is going on because every other floor underneath you is trying to get on the stairwell at the same time. That’s when it just caught me; the debris and it just like threw me on all fours and like buried me.“(CNN)

„Sie steht am Kopierer im 81. Stock, als das Flugzeug sich zwölf Etagen höher in den Nordturm bohrt. Der Tower schwankt wie ein Schiff auf hoher See. Sie schreit, „ich dachte sofort, das ist Krieg, eine Rakete hätte eingeschlagen“. Ein Kollege kommt auf sie zu und sagt „Beruhige dich. Ein kleines Flugzeug hat uns gestreift.“ Und nichts würde passieren. Aber Marcy glaubt das nicht. Sie sieht ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Panik erfasst sie, und die Panik rettet ihr das Leben. Marcy beginnt unverzüglich den Abstieg durchs Treppenhaus. Im 44. Stockwerk wollen Sicherheitsleute die Flüchtenden umdirigieren zu einem Fluchtweg. Marcy weigert sich, sie steigt weiter ab. Im 33. Stockwerk trifft sie den ersten Feuerwehrmann. Er hastet an ihr vorbei und mit großer Sicherheit in den Tod. Im 25. Stock tropft Wasser aus den Wänden. Ein Mann hinter ihr kehrt um. Sie geht weiter. „Ich fragte Gott: Was soll ich tun?“ Und sie entscheidet sich richtig. Abwärts, nur abwärts. Und sie singt. Immer und immer wieder singt sie ein Gospellied von Kirk Franklin: „My Life is in your hands, You don’t have to worry, And don’t you be afraid. Oh I know that I can make it.“ Ich kann es schaffen. Sie singt und singt. Und sie schafft es. Nach einer Stunde und zwanzig Minuten erreicht die junge Frau den Ausgang. Die Rettungsleute unten sagen: „Keine Panik.“ Aber sie rennt. Und stolpert und fällt. Steht wieder auf und läuft, fällt wieder. Dann hört sie ein Grummeln, und ein Feuerwehrmann brüllt: „Rennt, rennt, dreht euch nicht um, rennt.“ Es ist der Moment, in dem der Südturm zusammenstürzt. Sie kreischt: „Ich will nicht sterben!“ Die Druckwelle reißt sie von den Beinen. „Alles war schwarz um mich herum. Alles. Ich glaubte ganz sicher, ich sei tot.“(STERN)

„Sie steht im Freien, blickt ungläubig um sich: „Es sah aus, als wären Bomben eingeschlagen“. Sie läuft los. „In der Panik dachte ich, ich könnte einfach durch eines der gelben Absperrungsbänder durchbrechen“, muss sie lachen: „Es schleuderte mich zu Boden“.“(BILD)

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