Symptomträger Wulff und die Partys der elitären Netzwerke

Riefe mich heute ein Meinungsmacheinstitut an und fragte, ob ich den Rücktritt des Bundespräsidenten befürworten würde, meine Antwort wäre “Nein”. Nicht dass ich Wulff für ehrlich, integer oder rechtschaffen hielte oder ihm gar Symphatien entgegenbrächte. Nein, Wulff muss bleiben, weil sich ein schlechtes Vorbild, ein charakterloser Politiker, ein Gesetzesbrecher bestens als Mahnmal gegen eine rücksichtslose, egoistische zur Lobbykratie verkommenen Gesellschaftsordnung eignet und auf diesem leidvollen Wege möglicherweise Denkprozesse und Erkenntnisgewinne in Gang setzt.

Zu Wulffs Verteidigung muss darüberhinaus festgestellt werden: der Christdemokrat ist lediglich Symptomträger. Er entstammt einer konservativ-katholisch geprägten Patchwork Familie und hatte eine “schwierige Kindheit”, wie er persönlich bei seiner Selbstdemontage im ARD/ZDF-Interview erklärte. Wulff engagierte sich seit frühster Jugend für die Schüler Union und gehörte später dem Bundesvorstand der Jungen Union an.

“Als Schmidtendorf 1975 Abitur machte, sollte ein neuer Schülersprecher gewählt werden. Christian Wulff hatte sich als Kandidat für die Schülerunion, die aus jungen CDU-Mitgliedern bestand, aufgestellt. An dessen Slogan erinnert sich Schmidtendorf immer noch: “ Sachliche Politik statt Klassenkampf”.” Aber ganz so sachlich, wie er behauptete, waren seine politischen Methoden nicht. Während des Wahlkampfes hat er After-Eight-Schokolade unter den jüngsten Schülern verteilt. Die Schüler der mittleren Stufe, in der 8., 9. und 10. Klassen, haben zwei D-Mark und die Schüler in der Oberstufe fünf D-Mark pro Kopf bekommen, wenn sie versprochen haben, ihre Stimmen dem Wulff zu geben. Seit dem habe ich ihn immer den After-Eight-Politiker genannt.” (…) “ Doch, das passte ja gar nicht zu dem Bild, das wir von ihm hatten: einem Jungen, der neben der Schule arbeiten und daheim im Haushalt mithelfen musste. Theoretisch muss ihn das Ganze mehr als 2.000 D-Mark gekostet haben. Das war damals eine Menge Geld – und wahrscheinlich unversteuert, denn ich kann mir ja gar nicht vorstellen, das dieses Geld aus einer Parteikasse kam”, hinterfragt Schmidtendorf. ”Ja”, meinte der Mitschüler Wulffs zum dänischen Korrespondenten verschmitzt: “Da haben Sie schon das nächste Kapitel in der Skandalgeschichte um den deutschen Bundespräsidenten.” (EurActiv.de)

Hand aufs Herz,  jeder erinnert sich an diesen Typus des reaktionären Polit-Nerds, der seine teenage kicks nicht bei der Rebellion gegen das Elternhaus, dem Kennenlernen des anderen Geschlechts, Selbstversuchen mit Alkohol, sondern der penetranten Indoktrination Gleichaltriger erlangte. Außenseiter, die schon schon im Teenageralter, gescheitelt, in Oberhemd und Rautenmusterpullunder mit dem Aktenkoffer zur Schule gingen und wie Gerhard Löwenthal redeten. Ob Wulff diesem Stereotyp entsprach mag spekulativ sein, der Ruf des Spießers eilte dem bekennenden Bananensafttrinker zweifelsohne voraus. Ein Juristensohn, der Jura studiert und eine Juristin heiratet. Standesgemäß, langweilig. Erst die Bekanntschaft seiner zweiten Frau brachte Schwung in Wulffs vorbestimmtes Leben.

Ausgerechnet der Nestbau für die neue Herzensdame, die gemeinsamen Gratisurlaube in den Luxusresidenzen befreundeter Unternehmer garantieren dem ehemaligen Pro Christ Unterstützer seit 2 Monaten Negativschlagzeilen, Häme und schlechte Umfragewerte. Kaum im höchsten Amt des Staates angekommen wird es einsam um den Schnäppchenpräsidenten, der seit heute mit richterlicher Erlaubnis als Lügner bezeichnet werden darf. Dabei wollte er doch lediglich ein wenig Spaß, Luxus, Glamour im Kreise seiner Unternehmerfreunde und ihrer Unterstützer in  Politik, Medien und Showbusiness. So wie am 17.11.2011 bei der Publishers’ Night 2011 des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger in der Telekom-Repräsentanz in Berlin. Als er die Laudatio für den Kriegsverbrecher Henry Kissinger halten durfte. Helmut Markwort, Patricia Riekel, Carsten Maschmeyer waren auch da. Maria Furtwaengler amüsierte sich mit Kai Diekmann während ihr Mann Hubert Burda mit Henry Kissinger und Mathias Doepfner Konversation betrieb. Air Berlin war auch wieder da. Es gab Cocktails. Thomas De Maiziere warf sich in Pose.  La Ferres und Maschmeyer wirkten zwischenzeitlich partymüde. Am Ende zückten alle ihre Handys und machten Schnappschüsse, damals im November 2011, ca. 4 Wochen bevor der Rubikon für Wulff überschritten war.

“Die Staatsanwaltschaft Hannover hat im Zuge der Ermittlungen gegen den Ex-Sprecher von Bundespräsident Christian Wulff, Olaf Glaeseker, dessen Büro im Bundespräsidialamt durchsucht. Zudem darf Glaeseker offenbar sein Büro nicht mehr betreten.” (RP 29.1.2012)

“Die Affäre um Bundespräsident Christian Wulff schadet zunehmend seinem Image: Nur noch 33 Prozent der Deutschen sind dem ARD-“Deutschlandtrend” zufolge mit Wulffs Arbeit zufrieden. Vor einem Monat waren es noch 44 Prozent. Damit fällt er hinter Außenminister Guido Westerwelle (FDP) zurück, der auf 34 Prozent kommt. 54 Prozent sprachen sich für Wulffs Rücktritt aus.” (RP 3.2.2012)

“Ein knapper Aufruf im Internet war der Anfang: Aktivisten wollten am Donnerstagabend den Großen Zapfenstreich für Ex-Bundespräsident Christian Wulff mit lautem Trötenlärm aus Vuvuzelas übertönen.” (RP 8.3.2012)

” Aus der PR-Branche, in der Bettina Wulff lange tätig war, kochten gestern Gerüchte hoch, man werde die frisch Getrennte demnächst häufiger an der Seite eines niedersächsischen Unternehmers sehen. Der Mann, dem eine weltweit operierende Fimengruppe gehört, gilt als solventer Yacht-Besitzer.” RP 8.1.2013

“Doch Wulff will zurück in die Öffentlichkeit. Das berichtet zumindest ein CDU-Politiker, der kürzlich mit ihm sprach. Sollte die Staatsanwaltschaft Hannover das Verfahren aus Mangel an Beweisen einstellen (das wäre nicht unwahrscheinlich), will Wulff eine öffentliche Rehabilitation einfordern.” RP 8.1.2013

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