Afghanistan-Krieg bei Günther Jauch:Propaganda mit falschen Zahlen

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Bildquelle:Screenshot Hamburger Abendblatt/AFP


Das Debut Günther Jauch’s als neuer Stichwortgeber des öffentlich-rechtlichen Gefälligkeitsjournalismus wurde ja schon vielfach analysiert. Jacob Jung bemerkte treffend:

” Wäre das Polit-Theater nicht gebührenfinanziert, dann könnte man über die traurigen Reste politischer Gesprächskultur lächeln. Da es sich hierbei allerdings um einen wesentlichen Bestandteil des Bildungsauftrags der öffentlichen-rechtlichen Fernsehsender handelt, ist die Entwicklung bedenklich.”

Dass der Bildungsauftrag bei der Produktion solcher Formate eine untergeordnete Rolle spielt, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Wer darüberhinaus nach Belegen für subtile Kriegspropaganda sucht, der wird in der ARD Plauderrunde mehrfach fündig. Die Auswahl der Gäste spricht Bände:

Salonpazifist und Springer-Vorstand Mathias Döpfner arbeitete fleißig das Feindbild Islamismus ab und verglich die Afghanistan Tragödie mit Hitler-Deutschland, bzw. dem Missbrauchsfall in der Nachbarschaft. Im Zweifel für Clusterbomben.

Elke Heidenreich wagte den Versuch einer Analyse: ” Es passiert ja nicht umsonst, dass diese Türme in die Luft gesprengt werden.”

Jürgen Klinsman erklärte, warum der Amerikaner die komplexen Zusammenhange der Weltpolitik nicht verstehen kann. Schuld ist das Fernsehen. Dass auch der Deutsche an jenem Abend einer gezielten Desinformationskampagne beiwohnte, verschwieg Klinsi.

Jürgen Todenhöfer outete sich als Befürworter der “Kill-Mission” gegen Bin Laden, wies zu Recht auf die afghanischen Opfer des Krieges und die Sinnlosigkeit dieses Terrorzuchtprogramms hin, vermied aber den historischen Diskurs über die verdeckte Unterstützung des islamistischen Extremismus durch die USA und verbündete Geheimdienste aus Saudi-Arabien und Pakistan.

Peter Struck war immer noch Amerikaner, der für unsere Sicherheit das Bombardement von Hochzeitsgesellschaften am Hindukusch in Kauf nimmt. Schließlich, so Struck, war da ja Osama Bin Laden, unsere Freiheit wurde auch angegriffen (Bündnisfall), die Taliban hatten ihn nicht ausgeliefert und schließlich ging dem ISAF-Einsatz die Petersberg-Konferenz voraus, auf der Karzai “ausgeguckt” wurde. Unnötig zu erwähnen, dass ihn niemand daran erinnerte, dass Bin Laden bestritt, der Urheber der Anschläge zu sein und die USA bis heute keinen gerichtsfesten Beweis für seine Schuld vorgelegt haben. Niemand stellte klar, dass es sehr wohl Angebote der Taliban gab Bin Laden vor und nach 9/11 auszuliefern. Weder die Legitmität des Bündnisfalles (werden wir eigentlich immer noch angegriffen? ) noch die US-dominierte Inthronisierung des Ex-Unocal Beraters Karzai auf dem Bonner Petersberg wurde vom Moderator hinterfragt. Der kennt sich halt besser mit Autos und Fußball aus.

In der Redaktion seiner Sendung sitzen allerdings gut (von uns) bezahlte Medienarbeiter, deren journalistische Integrität aufgrund der Konzeption der Sendung in Frage gestellt werden muss. Die emotionsgeladene, mit Piano-Gedaddel unterlegte Präsentation einer 9/11 Überlebenden und der Mutter eines in Afghanistan getöteten Soldaten ist der plumpe Veruch Aufklärung und Information durch Gefühlsduselei und Infotainment zu ersetzen. Die erneute Ausschlachtung des propagandistischen TIME-Titelblattes (Schlagzeile: “Was passiert, wenn wir Afghanistan verlassen” ) von Bibi Aisha folgt, bewusst oder unbewusst, dem Muster des geleakten CIA Red Cell Strategiepapiers:

” Afghanische Frauen könnten als ideale Botschafterinnen dienen und die Rolle der ISAF im Kampf gegen die Taliban menschlich darstellen, weil die Frauen persönlich und glaubhaft über ihre Erfahrungen unter den Taliban, ihre Sehnsüchte für die Zukunft und ihre Angst vor einem Sieg der Taliban sprechen könnten.”

Obwohl es berechtigte Zweifel an der Time-Story gibt, nach der die Taliban die grausame Verstümmelung der jungen Afghanin in Auftrag gegeben haben, wird die Geschichte bei Günther Jauch reanimiert. Niemand bemerkt, dass dieses Verbrechen passieren konnte, obwohl das Land von NATO-Truppen besetzt wird. Kein Gast wagt zu fragen, inwieweit sich die von Karzai integrierten Drogenhändler und Warlords von den Frauenfeinden der Taliban unterscheiden. Der absolute Höhepunkt der öffentlich-rechtlichen Werbesendung für den Krieg ist ein redaktioneller Einspieler, der in 60 Sekunden den deutschen Einsatz in Afghanistan verklärt:

” Die Erfolge: 2010 gehen über 7 Millionen Kinder zur Schule, davon 1/3 Mädchen. Im Jahr 2001 war es nur eine Million und fast nur Jungen. Die medizinische Grundversorgung hat sich verbessert, die Kindersterblickeit hat sich um mehr als 1/3 reduziert. Die Kosten: 4,8 Milliarden Euro hat der Bundeswehreinsatz Deutschland bislang gekostet. 52 deutsche Soldaten verloren ihr Leben.”


Bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass diese Erfolgsbilanz auf falschen Zahlen, regierungsfreundlichen Quellen basiert und dabei wichtige Informationen, die nicht ins Bild passen, unterschlägt:

1. Nicht 52, sondern 56 Tote und 304 Verwundete sind seit Beginn des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan zu beklagen (Stand: 3. August 2011) . Es ist sehr wahrscheinlich, dass von diesen 56 Menschen einige ihr Leben nicht verloren, sondern es sich genommen haben. Nürnberger Nachrichten:

” Hohe Selbstmordrate bei Auslandseinsätzen. Jeder fünfte tote Soldat beging Selbstmord – Die meisten Todesfälle gab es in Afghanistan.(…)Bei 18 toten Soldaten hätten „sonstige Umstände“ eine Rolle gespielt.”

2. Die wahren Kosten des Krieges werden von der Regierung verschleiert. “Alles in allem hat die Bundesrepublik für ihr Afghanistan-Engagement seit 2002 rund 6,2 Milliarden Euro ausgegeben.” berichtete die Wirtschaftswoche 2010. Die Welt informierte im selben Jahr: ” Selbst im Falle eines frühzeitigen Abzugs schon im nächsten Jahr würde der Einsatz insgesamt zwischen 18 und 33 Milliarden Euro kosten, ermittelte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin auf der Basis vorläufiger Schätzungen. Bleibe die Bundeswehr noch einige Jahre in dem Land am Hindukusch, dann sei sogar von Gesamtkosten zwischen 26 und 47 Milliarden Euro auszugehen. Das DIW legte seiner Schätzung fast alle Faktoren zugrunde, die im Zusammenhang mit dem Einsatz Kosten verursachen.”

3. Die Behauptung, die Kindersterblichkeit in Afghanistan habe sich um mehr als 1/3 reduziert, wird abgesehen vom fehlenden zeitlichen Bezugsrahmen, durch zahlreiche Schätzungen renommierter Organisationen widerlegt.

Die Schätzungen der UNO : Children under five mortality rate per 1,000 live births:

Jahr 2000:257

Jahr 2005:257

Jahr 2008:257

Die Weltbank bietet folgende Zahlen an (Quelle: Level & Trends in Child Mortality. Report 2010. Estimates Developed by the UN Inter-agency Group for Child Mortality Estimation (UNICEF, WHO, World Bank, UN DESA,UNPD):

Jahr 2000:222

Jahr 2005:208

Jahr 2006:206

Jahr 2007:204

Jahr 2008:201

Jahr 2009:199

Im November 2009 gab UNICEF bekannt:

” Afghanistan is world’s worst place to be born-UN.(…) Afghanistan has the highest infant mortality rate in the world — 257 deaths per 1,000 live births, and 70 percent of the population lacks access to clean water, the agency said.”

UNICEF Statistik: Under-5 mortality: rank:1

Under-5 mortality rate:

1990:260

2008:257

Infant mortality rate (under 1):

1990:168

2008:165

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Quelle: CIA World Factbook

Legt man die Zahlen des CIA World Factbook zugrunde, wird deutlich, dass die Kindersterblichkeit (Infant Mortality Rate) im Vergleich zu den Vorkriegsjahren (2000/2001) gleich geblieben ist. Egal in welchen zeitlichen Bezugsrahmen man die Schätzungen setzt: Ein Rückgang um über 1/3 ist nirgendswo verzeichnet. Außer auf der Seite der United States Agency for International Development (USAID). Diese Behörde koordiniert die gesamten Aktivitäten der Außenpolitik der Vereinigten Staaten im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit und beschreibt ihre Zielsetzungen folgendermaßen:

” The principal beneficiary of America’s foreign assistance programs has always been the United States. Close to 80% of the USAID contracts and grants go directly to American firms. Foreign assistance programs have helped create major markets for agricultural goods, created new markets for American industrial exports and meant hundreds of thousands of jobs for Americans.”

Hunderttausende Jobs für den heimischen Biotech-Markt:

“These USAID programmes are part of a multi-pronged strategy to advance US interests with GM crops. Increasingly the US government uses multilateral and bilateral free trade agreements and high-level diplomatic pressure to push countries towards the adoption of many key bits of corporate-friendly regulations related to GM crops. And this external pressure has been effectively complimented by lobbying and funding from national and regional USAID biotech networks.”

Im Afghanistan beklagen NGO’s, dass USAID Hilfsprojekte an die Unterstützung der US-Militärstrategie bindet (Dirk Niebel plante ähnliches) und Mitarbeiter deswegen vermehrt Angriffen der Taliban ausgesetzt sind. Auch im Bereich des Wiederaufbau schaufelt USAID fleißig Hilfsgelder in die Taschen bekannter US-Unternehmen, die mitunter enge Verbindungen zu führenden Politikern unterhalten:

” Afghanistan is being deprived of $10bn (£5bn) of promised aid, and 40% of the money that has been delivered was spent on corporate profits and consultancy fees, according to a hard-hitting report by aid agencies released today.The failure of western donors to keep their promises, compounded by corruption and inefficiency, is undermining the prospects for peace in Afghanistan, it warns.(…) For example, a road between the centre of Kabul and the international airport cost over $2.3m per kilometre in US aid money, at least four times the average cost of building a road in Afghanistan, today’s report says. Afghanistan’s biggest donor, USAid, allocates nearly half its funds to five big contractors. The US government has awarded major contracts, some worth hundreds of millions of dollars, to KBR, the Louis Berger group, Chemonics International, Bearing Point, and Dyncorp International, according to a study by the US-based Centre for Public Integrity quoted in today’s report.”

“The Bush administration has awarded the biggest contract yet for Iraq reconstruction to Bechtel Group, one of the largest, most politically connected construction and engineering firms.(…) Watchdog groups, Democrats and foreign governments and corporations have complained about the bidding process. USAID invited bids from a few companies it considered qualified.Contracts have gone to a handful of well-connected firms, including Halliburton, where Vice President Cheney was CEO. Among Bechtel’s directors: former Bechtel president George Shultz, President Reagan’s secretary of State.Bechtel, a privately held company based in San Francisco, gave $1.3 million to political candidates from 1999 to 2002, 59% of it to Republicans, according to the Center for Responsive Politics.”

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Quelle: USAID/Afghanistan Strategy

Zurück zum Einspieler der Jauch Sendung:

5. Über 7 Millionen Kinder sollen 2010 in Afghanistan eine Schule besucht haben. Auch diese Zahl findet sich auf der Seite von USAID. Das US-Außenministerium (Stand Dezember 2010) erwähnt auf seiner Internetseite 6,3 Millionen SchülerInnen. Unabhängig davon, welche Zahl man zu Grunde legt: die Erfolgsmeldung ist nur eine Seite der Medaille. 5 Millionen Kindern ist der Schulbesuch nach wie vor verwehrt. Zudem ist eine Zunahme von Angriffen Aufständischer gegen Schülerinnen und Lehrpersonal dokumentiert:

” Leaked intelligence reports published for the first time in Dagbladet Information show that sending millions af Afghan children to school comes at a very high price. Countless threats against children and teachers appear in leaked intelligence reports that paint a detailed picture of the methods behind Taleban’s systematic campaign against the schools.”

” Worsening security and enduring conservative Islamic customs prevented almost five million Afghan children from going to school in 2010, a government official said on Saturday.”

Was die Günther Jauch Redaktion noch unterschlagen hat:

” A Thomson Reuters Foundation poll that surveyed 213 gender experts from five continents found that Afghanistan is the worst place for women. The Democratic Republic of Congo and Pakistan ranked second and third.”

“Afghanistan: 2010 bloodiest year for a decade, UN says.There has been a large increase in the number of civilians killed in the war in Afghanistan for the second year in a row, according to a UN report.More than 2,700 civilians were killed in 2010 – up 15% on the year before.”

Reuters 2010:

” Afghanistan will secure a planned international gas pipeline through the Taliban heartland by burying sections underground and paying local communities to guard it, the mining minister said on Wednesday.(…)Turkmenistan, holder of the world’s fourth-largest natural gas reserves, is actively looking to diversify energy sales from its traditional market, Russia, and is courting investors from the West, China and other Asian countries.The four countries the pipeline passes through signed the framework of an agreement on Monday.(…)The four countries, which are currently being advised by the Asian Development Bank, aim to set up a consortium of international investors. They are currently working with a transaction adviser, Shahrani’s aide said.”

Army Times 2011:

” After a decade of war in Afghanistan, many troops are losing confidence in the long-term likelihood of success for the U.S. military mission there, and their overall support for President Obama has slipped, according to the latest Military Times annual reader survey. The pessimism is also fueled by a belief that the country is hopelessly corrupt. A 31-year-old Army sergeant who deployed to Afghanistan in 2010 said many troops believe the Afghan central government and many tribal leaders play both sides of the fence.“Everybody knows that a majority of them still have ties with the Taliban,” said the sergeant, who asked to remain anonymous because he was not authorized to speak to the press.”

AP 2011:

” WASHINGTON – U.S. government money spent on contracts in Afghanistan is ending up in the hands of Taliban insurgents that American troops have been fighting for nearly a decade, and it is unlikely the flow can be shut off completely, a senior Pentagon official said Thursday.”

6 Kommentare

  1. Tim Baumgartner

    Super recherchiertes Posting. Kompliment!
    Leider funktioniert der Einstiegslink in die Mediathek nicht mehr.

  2. Immer wieder schockierend wie offensichtlich selbst die Zahlen gefälscht werden… Respekt für die Recherche!

    http://blossnichtlesen.wordpress.com/2011/09/20/argumentieren-fur-anfanger/

    hier das thema von einem anderen standpunkt

  3. Pingback: Joachim Gauck:transatlantischer Wunschkandidat der neoliberalen SPD «

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