Dirk Niebel sieht wieder Lebensfreude in Afghanistan

Blühende Mohnlandschaften !

Der Bundesminister für wirtschaftliche/militärische  Zusammenarbeit und Entwicklung warnte in seiner gestrigen Regierungserklärung zum Afghanistan-Einsatz vor zu negativen Einschätzungen:

” Wer heute in den Hindukusch kommt, der sieht: Die Kinder lassen wieder Drachen steigen. Ich habe mich sehr gefreut über dieses Bild der Lebensfreude, die in Afghanistan wieder Fuß fasst. (…) Wir gewinnen nichts, wenn wir die Lage schöner reden als sie ist. Das ist der Fehler, den früher viele gemacht haben. Aber wir gefährden alles, wenn wir die Lage schlechter reden als sie ist. Diesen Fehler sollten wir nicht machen. Die Sicherheitslage macht uns Sorgen. Die Aufständischen töten wahllos. Sie zielen auf Zivilisten und Menschenrechte, auf Völkerrecht und Wiederaufbau. So konnte die medienwirksame Behauptung, nichts sei gut in Afghanistan, viel Widerhall erhalten.Schwarz-Weiß-Malerei spielt Extremisten in die Hände. Nirvana-Sätze sind immer falsch und gelegentlich unverantwortlich.”

Mit einem knallharten Faktencheck straft er die buddhistische Fehlinterpretation der Terroristenversteherin Käßmann Lügen:

” Die Kindersterblichkeit ist von über 250 pro 1.000 Lebendgeburten auf 161 zurückgegangen.”

In welchem Zeitraum verschweigt Niebel. Woher stammen diese Zahlen und wie belastbar sind sie eigentlich ?

Auf der Internetseite seines Ministeriums findet sich folgender Hinweis:

” Doch hat sich die Kindersterblichkeit (unter 5 Jahre) von mehr als 250 pro 1.000 Kinder im Jahr 2001 auf 161 pro 1.000 im Zeitraum 2007/2008 reduziert.”

Die Zahlen von 2001 und 2007/2008 wurden verglichen, aber woher stammen sie und was ist mit den Jahren 2009/2010 ? Der Fortschrittsbericht der Bundesregierung, auf den sich Niebel bezieht verweist auf zwei Quellen: John Hopkins Bloomberg School of Health (5.7.2007):

” Household surveys implemented by researchers from Johns Hopkins and the Indian Institute of Health Management Research in late 2006 estimated that of every 1,000 children born in Afghanistan, on average 129 die in the first year of life (infant mortality rate) and 191 die before reaching the age of five years (under 5 mortality rate).”

Die Schätzung 191 pro 1000 Kinder stammt folglich aus dem Jahr 2006. Ein Hinweis auf die Sterblichkeitsrate der unter 5-Jährigen im Jahre 2001 geht aus der Mitteilung vom 5.7.2007 nicht hervor.

Die zweite Quelle des Fortschrittsberichts ist das Gesundheitsministerium der Islamischen Republik Afghanistan:

” The children and maternal mortality rate has been reducing in Afghanistan since 2001, while maternal mortality comes down from 1,600 to 1,400 and children mortality under age of 5 years has come down from 257 to 161 annually, said Dr. Suraya Dalil, acting Minister of Public Health in a joint Press Conference with representatives of WHO and UNICEF here in Kabul on Sunday.”

Die Zahlen der Ministerin: 257 (2001), Rückgang auf 161 “jährlich”. Auf welches Jahr sich “jährlich” bezieht erschließt sich nicht aus dem Text , aber eine Websuche verweist wieder auf das afghanische Gesundheitsministerium. Die Zahl 161 stammt aus einer Untersuchung des “Central Statistics Office and partners” und wurde zwischen 2007 und 2008 erhoben.Wer auf deren Seite dem beschriebenen Pfad folgt ( MDG’s – Reduce child mortality – Under five mortality rate ) landet im Nichts.

Der Quellennachweis im Fortschrittsbericht der Bundesregierung ist unsauber, beruht auf Schätzungen die von offiziellen Stellen der afghanischen Regierung stammen und deren Zahlen nicht aktuell sind.

Und wie lauten die Schätzungen der UNO ?

Children under five mortality rate per 1,000 live births:

Jahr 2000:257

Jahr 2005:257

Jahr 2008:257

Die Weltbank bietet folgende Zahlen an (Quelle: Level & Trends in Child Mortality. Report 2010. Estimates Developed by the UN Inter-agency Group for Child Mortality Estimation (UNICEF, WHO, World Bank, UN DESA,UNPD):

Jahr 2000:222

Jahr 2005:208

Jahr 2006:206

Jahr 2007:204

Jahr 2008:201

Jahr 2009:199

Im November 2009 gab UNICEF bekannt:

” Afghanistan is world’s worst place to be born-UN.(…) Afghanistan has the highest infant mortality rate in the world — 257 deaths per 1,000 live births, and 70 percent of the population lacks access to clean water, the agency said.”

UNICEF Statistik:

Under-5 mortality rank:1

Under-5 mortality rate:

1990:260

2008:257

Infant mortality rate (under 1):

1990:168

2008:165

Das Internationale Rote Kreuz erklärte Ende 2010, die Lage in Afghanistan sei so schlecht wie seit 30 Jahren nicht mehr. Es werde immer schwieriger, die Bedürftigen zu versorgen.

Wir gewinnen nichts, wenn wie die Lage schöner reden als sie ist. Dann tun Sie es nicht , Herr Minister.

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